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Wir sind hier: Bürger-Parodien

An Agathe,   An die Hoffnung,   Das Blümchen Wunderhold,   Das harte Mädchen

Das Lied vom braven Mann,   Das Mädel, das ich meine,   Der Bauer. An seinen durchl. T

Der Bruder Graurock und die Pilgerin,   Der große Mann,   Der Kaiser und der Abt

Der kluge Held,   Der Raubgraf,   Der wilde Jäger,   Des Pfarrers Tochter von Taubenhain

Des Schäfers Liebeswerbung,   Die beiden Liebenden,   Die Entführung,   Die Kuh

Die Weiber von Weinsberg,   Frau Schnips,   Herr Bacchus,   Hummellied

Lenardo und Blandine,   Lenore,   Liebeszauber,   Macbeth,   Männerkeuschheit

Mollys Wert,   Münchhausen,   Prinzessin Europa,   Spinnerlied,   Trost

     Die links verweisen auf die linke Navigationsleiste, dort sind die zugehörigen Werke anwählbar

Lenore

Beiträge im Zeitraum


bis 1800

1801-1810     

1811-1820     

1821-1830

1831-1840    

1841-1850    

1851-1860

1861-1870    

1871-1880    

1881-1890     

1891-1900     

1901-1910    

1911-1920     

1921-1930

1931-1940    

ab 1941

Weitere Parodien

Begriffe & Literatur
 


Gegenstück - Seitenstück - Antwort - Mittelstück - Imitation - Travestie - Altered from Bürger - Parodie auf

All das sind Teile der Titel von hier aufgeführten Werken. Es scheint schwierig zu sein, eine gemeinsame Überschrift zu finden. Allerdings bewegen wir uns vorzugsweise in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Da war die Sprachregelung erstaunlich klar.

Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch (1809-1811): Die Parodie, (a. d. Griech,) ein Gedicht; im weiten Sinne, überhaupt ein Werk des Geschmacks, das man nach einem andern bekannten Gedichte oder ähnlichen Werke macht, welches letztere man durch zweckmäßige Veränderungen auf einen andern Gegenstand anwendet, oder gleichsam in einen andern Ton setzt.

Herders Conversations-Lexikon (1854-1857): Parodie, griech.-deutsch, scherzhaftes Gedicht, wodurch ein bekanntes ernstes mit Beibehaltung der Form in das Lächerliche umgebildet wird, gehört also der Satire an (vergl. Travestie); auch die witzige, scherzhafte Erwiderung auf die ernste Rede eines Andern, theilweise mit dessen Worten.

Ein schönes Beispiel einer Parodie stammt aus Der Zeitgeist, 25. November. 1861:

Erklärung von Klassikern.

Knabe. Frau Slava fuhr um's Morgentodt -
      empor aus wachen Säumen -
      Ruthen bist untreu oder roth -
      wie lange wirst Du träumen? -
      Er war mit seines Bischofs Schlacht -
      gezogen in die Schmerlingmacht -
      und hatte nicht geblieben -
      ob er gesund geschrieben.
Professor (erklärend.) Das Ausbleiben des Briefes ist leicht erklärlich, die Ruthenen pflegen nämlich meist nicht schreiben zu können.

Manchem heutigen Zeitgenossen mag das etwas wirr erscheinen. Im 19. Jahrhundert gehörte jedoch Bürgers Lenore zu den bekanntesten Dichtungen überhaupt und das betraf wirklich alle Bevölkerungsschichten. Also war jedermann klar, dass es sich um eine, nennen wir es Verballhornung, radikale Umstellung der ersten Strophe der Lenore handelte. Das zeigt auch die wichtigste Voraussetzung, dass eine Parodie funktioniert, also als solche erkennbar wird: das zu parodierende Objekt muss allgemein bekannt sein.

Bisher gibt es keine umfassende Darstellung zu Parodien auf Bürgers Werk. Bezüglich der Lenore werden in der aktuellen Bürger-Gesamtausgabe von Häntzschel (1987) gerade einmal drei erwähnt, sein Verweis auf Goedekes Arbeit von 1916 bringt nur zwei weitere.

Problematisch ist die Abgrenzung, wenn man die Definition des Conversations-Lexikon (1809-1811) zugrunde legt. Was ist mit Übersetzungen? Eine sehr gute Übersetzung wird man kaum als Parodie bezeichnen können, allerdings sind gerade englische Übersetzungen nicht in jedem Falle überzeugend zu nennen. Da es aber von 1796 bis 1892 dreißig verschiedene Übersetzungen gab, beschränken wir uns auf die wenigen, die direkt als Parodien bezeichnet wurden.

Die Beschaffung geeigneten Materials von einem kleinen Dorf aus ist auch im Zeitalter des Internet nicht immer leicht, manchmal sogar unmöglich. Deshalb sei an dieser Stelle Herrn Helmut Scherer (Berlin) für seine Hilfe herzlich gedankt, ganz besonders für die Bereitstellung von Faksimile der prachtvollen Kupferstiche aus der Gedichtausgabe von 1789, der Arbeit von Schüddekopf “Ein Goethisches Lied” sowie mannigfache Literatur zum Thema Parodie. Darunter ist speziell zu nennen: “Dei Wörde det Manns”, ein Titel, der sich im Katalog der Berliner Staatsbibliothek als -Kriegsverlust möglich- findet, deshalb von mir nicht bestellt. H. Scherer bestellte und der Titel existiert. Die Überraschung ist perfekt, wenn man einen Blick in die Einleitung wirft. Dort ist u.a. zu lesen:

“Düsse Wunsch wärd nu nah-folgendermaaten in der Verposselung der beeden kräftigsten un gelesensten Bürgerschen Gedichte, üm sau leewer erfüllt; da Bürger sülwst, 1793, düssen Innfall.....” [Hervorhebung hinzugefügt]

Hier das vollständige Vorwort als Faksimile. 

Hier zur Transkription.

Die Hintergründe werden noch untersucht, jedenfalls ist nicht nur die “Männerwürde” verposselt worden, sondern auch “An die Hoffnung”. Dieses Beispiel zeigt, dass in den Bibliographien nicht immer die Arbeit mit dem Original üblich ist, sonst wäre das aufgefallen - so findet sich sowohl bei E. Consentius als auch bei G. und H. Häntzschel (um nur zwei Beispiele zu nennen) zwar “Dei Wörde det Manns”, nicht aber die “Ode an dei Hoopnung”.

Bürger selbst hat Parodieen über Werke anderer Autoren geschrieben, genannt seien
    - Schäm`dich nicht der Liebe zum Kammermädchen (eine seinem Freund Erich Biester gewidmete
                                        Horazparodie, die in den meisten Gedichtausgaben fehlt)
    - Neue weltliche hochdeutsche Reime [...] oder Prinzessin Europa (eine Travestie nach Ovid)
    - An Themire. Travestirt nach dem Horaz:

Schäm' dich nicht der Liebe zum Kammermädchen,
Erich Biester, rührte die rosenblütne
Bettmagd Briseis doch auch den erlauchten
                      Feldherrn AchilIes.

Schau' auf die Erzväter Abram, Jakob,
Welche Fintchen machten sie nicht, sich mit den
Zofen der Hausehren begeben zu dürfen !
                    Herrliche Zeiten!

Als die alten Saras den Wachsstock hielten,
Wenn die Herrn des Hauses an jüngern Dirnen,
Um den Tisch voll Kinder zu kriegen, Ihre
                   Kräfte versuchten !

Falsch vielleicht, Freund, wähnest du von den Ahnen
Deiner braunen, niedlIchen Miß Luise,
Glaubst du, daß aus niedrer Philster Lenden
                       Diese gekommen?

Ha! wer weiß es, ob sie nicht Fräulein hieße
Oder MamseIl? beichtete nur die Mutter.
Es verrät Ihr Adel, ihr Gang und ihre
                 Züchtige Miene.

Und ihr Anstand in dem beblümten, bunten
Kleinen, saubern Mäntelchen, ihre Unschuld,
Welch' allein noch, feuriges Ding, dich zähmet,
                 Besseren Ursprung.

Ach! wie lockt ihr Auge - ihr Mund - Ihr Busen -
Wade - Fuß? - Doch wähne von mir nichts Arges,
Den bereits unzählige Abenteuer
          Schlapper gemachet.

An Themiren
Travestiert nach dem Horaz

Ach, würden falsche Schwüre
Durch Zeichen an dir kund !
Verfärbte sich, Themire,
Dein frevelhafter Mund!

O, daß ein Zahn sich schwärzte,
Meineidige I daß nur
Ein Fingerchen dir schmerzte,
Das sich erhob zum Schwur!

So glaubt' ich, Götter hielten
Noch was auf Treu' und Pflicht,
Und falsche Mädchen spielten
Mit teuern Eiden nicht. -

Doch deinen Reiz erheben
Verbrechen nur noch mehr;
Und immer dichter schweben
Verehrer um dich her.

Frau Venus und ihr Völkchen
Läßt fünf gerade sein.
Von Unmut nicht ein Wölkchen
Hüllt ihre Stirnen ein.

Per Dio ! Was noch schlimmer,
Dein Flattersinn ergötzt
Den Schadenfroh, der immer
An heißen Pfeilen wetzt.

Daher in allen Schulen
Befiedert täglich sich
Ein Heer von jungen Buhlen,
Und insgesamt für dich.

Die kommen dann, und zollen
Dir Huldigung und Pflicht.
Die Alten aber trollen
Deswegen sich noch nicht.

Und Alt und Jung umschwärmet
Nun, wie behext, dein Haus.
Man baxet sich, man lärmet ...
Ach! wo will das hinaus? -

Dich scheut, des Söhnchens wegen,
Die zärtliche Mama;
Und, seines Beutels wegen,
Der geizige Papa.

Du ängstigst junge Frauen:
Es möchte deinen Wert
Ein Tröpfchen Gunst betauen,
Das ihnen zugehört.

 

Zusätzlich hat Bürger sein eigenes Werk parodiert, siehe die beiden Gedichte zu “Das Mädel das ich meine”.
Noch komplizierter wird es, wenn neben den Begriffen Parodie und Travestie die Begriffe Satire und Farce auftauchen, so in dem Buch “Prinz Seidenwurm, Satiren und Farcen des Sturm und Drangs”. Dort sind fünf Gedichte und vierzehn Epigramme Bürgers eingebunden.
Es erscheint deshalb sinnvoll, auf Arbeiten hinzuweisen, die sich mit diesen Begriffen z.T. aus literaturwissenschaftlicher Sicht befassen. Am Ende des Kapitels (nach den Bürger-”Parodieen”) werden deshalb Definitionen und Hinweise auf weiterführende Literatur gegeben. An einem kleinen Beispiel (der kürzesten Lenore-Parodie) soll jedoch schon auf einige Aspekte hingewiesen werden:
1. Wenn ein solches Werk nicht im Titel schon das Wort Parodie enthält, ist der Leser gefordert - wenn er das
   Original nicht kennt, wird er vielleicht keine Parodie erkennen.
2. Etwas Verstand wird auch benötigt, der Leser sollte erkennen, was parodiert wird, hier ist es vor allem die Länge
  des Originals.
3. Kuriose Verhältnisse können sich ergeben, wenn dem Leser (oder Zuschauer einer Oper) zuerst die Parodie
   und dann erst das Original bekannt ist.
4. Parodie ist oft ein geschicktes Spiel mit Wörtern, an unserem Beispiel besonders gut zu studieren:
  im Original bedeutet “fuhr aus ihren Träumen” aufwachen, nicht aber sich fortbewegen, “ums Morgenrot” ist zeitlich
  gemeint”. In der Parodie erfolgt eine doppelte Umdeutung: Lenore fährt um das Morgenrot herum, also Bewegung 
  und räumliche, nicht zeitliche, Veränderung.

Eine vermutlich unbeabsichtigte Parodie zu Bürgers Balladen erschien 1787 von Geiger im Salzburger Musenalmanach unter dem Titel "Mädchentreue oder Ritter Ferdinand". Der Herausgeber des Almanach verwahrt sich zwar 1788 gegen Vorwürfe des Rezensenten der ALZ von 1787, aber das Werk spricht für sich. In der Allgemeinen Literaturzeitung von August 1787, Sp. 494 ist zu Geigers Gedicht zu lesen:
      "Eine andere Ballade eben dieses Verf. (S. 141.) Mädchentreue, ist etwas besser; aber es ist auch ganz natürlich; denn bis zu halben Strophen ist sie wörtlich aus Bürgers Blandine, Entführung etc. zusammengeschrieben."

Mädchentreue oder Ritter Ferdinand. Eine Ballade. von Geiger. In: Salzburger Musenalmanach auf das Jahr 1787

Ich fuhr vor einem alten Schloß;
  Es war um die Mitternachtsstunde:
Da bebten, da sträubten sich bäumend die Roß,
  Da wauten so grausig die Hunde!
"Herr! sieht 'r den schwarzen Reuter dort
  Auf seinem weissen Schimmel?
So macht ers allen an diesem Ort.
  Gott gebe dir Ruhe im Himmel!"

      der vollständige Text

Eine sicher nicht unbeabsichtigte Parodie stammt von René Hermann Markowsky. Da sie keinem einzelnen Bürgerschen Werk direkt zugeordnet werden kann, ist sie an dieser Stelle eingeordnet.

Biedermannsmär.  In: "Was ich athme wird Moral", Nürnberg 1961

Paßt her, ich berichte
Ein Märlein behend!
Zwar stammt die Geschichte
Von Percy aus Kent,

      der vollständige Text

Êbenfalls nicht nur einem Gedicht zuordenbar ist

Das Lied vom Oberarzt von Carl Georg von Maassen. Es wurde 1919 erstmals in Diotimas Blumenkörbchen veröffentlicht unter dem Pseudonym Johann Elias Barbst.

Sagt an, w a s ist ein Oberarzt?
ist’s der, der mit den Stiefeln knatzt,
Der voller Stolz und unentwegt
Die weiße Küchenschürtze trägt,
Der bald aus Nothdurft, bald zum Spaß
Die blanke Brille aud der Nas’,
Der selbst vor Leichen noch posiert
Und Bürgers Lyrik laut zitiert?
   Wir stimmen nur zögernd ein:
   Soll das ein Oberarzt schon sein?

     der vollständige Text
 

Der Schreiber von Diotimas Blumenkörbchen machte sich auch den Spaß, einen Bürgerbrief zu erfinden: Bürger an Dieterich vom 1. März 1782.

Ich denke, holdseliger Herr Bruder, du wirst den Almanac de Muses richtig erhalten haben; [...]

     der vollständige Text

 

Die Grafen Guiscardi von J. A. von Ehrenberg. Wien 1787

Vierter Akt. Erster Auftritt.
Auf dem Tisch liegen zwey Paar Pistolen.

(Bedienter puzt Pistolen und singt.)

Ho ho! Jüngst flog in meinen Hain
Ein kirres Täubchen zu mir ein,
Hätt' ich es nicht gefangen,
So wär es mir entgangen.
Ha ha ha ha ha ha!

Der Ritter, der ritt hop sa sa!
Und strich sein Bärtchen trallala!
Fein Liebchen sah vom weiten,
Fein Liebchen sah ihn reiten.
Ha ha ha ha ha ha!
 

 

Ordnet man die folgenden Bearbeitungen Bürgerscher Gedichte nach der Intention der Autoren, kann man deutlich auch unterschiedliche Motivationen erkennen:
– dem Inhalt des Originals soll widersprochen werden (Männerkeuschheit)
– die Bekanntheit des Originals soll genutzt werden, um eine Botschaft zu transportieren (Napoleons Zug nach Rußland)
– die eigene Bedeutung soll gesteigert werden, indem möglichst viele bekannte Werke eines berühmten Autors parodiert
  werden (Die Fahrt nach der Brigittenau u.a.)
– die Lust am Spiel mit Worten am eigenen Werk (Die Hexe die ich meine)
– die Nutzung der Struktur des eigenen Werkes, um ein anderes Werk lächerlich zu machen (Wer hat die Arsback...)
- ein bekanntes Werk Bürgers wird umgearbeitet um den Stil eines anderen Schriftstellers parodieren zu können (Ratschky)
Für alle folgenden Werke kann jedoch Bürgers Epigramm als Motto dienen:


                Wenn dich die Lästerzunge sticht,
                So laß dir dies zum Troste sagen:
                Die schlechtesten Früchte sind es nicht,
                Woran die Wespen nagen

 

 

 

Lenore (1773)

   ...

   “Rapp´! Rapp´! Mich dünkt der Hahn schon ruft.
   Bald wird der Sand verrinnen
   Rapp´! Rapp´! Ich wittre Morgenluft
   Rapp´! Tummle dich von hinnen !
   Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf !
   Das Hochzeitbette thut sich auf !
   Die Todten reiten schnelle !
   Wir sind, wir sind zur Stelle.”

   Rasch auf ein eisern Gitterthor
   Ging´s mit verhängtem Zügel.
   Mit schwanker Gert´ein Schlag davor
   Zersprengte Schloß und Riegel.
   Die Flügel flogen klirrend auf,
   Und über Gräber ging der Lauf.
   Es blinkten Leichensteine
   Rund um im Mondenscheine.

    ...

   

Gedichte von Gottfried August Bürger. Zweyter Theil. Mit Kupfern. Göttingen bey Johann Christian Dieterich 1789. Stich von Daniel Chodowiecki

 

Die Kurzfassung:

Lenore fuhr ums Morgenrot
und als sie rum war
war sie tot.

 

Um eine gewisse Übersicht über die im verschiedensten Zusammenhang verwendeten Lenore-Zitate (hier als Parodien bezeichnet) zu geben, sind sie nach Jahrzehnten geordnet:

  bis 1800     1801-1810     1811-1820     1821-1830     1831-1840     1841-1850     1851-1860

1861-1870     1871-1880     1881-1890     1891-1900     1901-1910     1911-1920     1921-1930

1931-1940     ab 1941

bis 1800

Der untreue Knabe von Johann Wolfgang von Goethe.

Dieses Gedicht bezeichnet Heinrich Düntzer als Gegenstück zu Bürgers Lenore. Viktor Hehn zieht in seinen Gedanken über Goethe einen drastischen Vergleich zwischen diesem Goethe-Gedicht und Bürgers Lenore: "Ja, bis auf den heutigen Tag ist von der Schulzeit her die Lenore in Jedermanns Munde, von dem untreuen Knaben aber wissen nur die Kenner, deren Zahl nicht groß ist. Aber wie wenig zuständig ist auch hier das Gericht des Publikums, die Stimme der Menge! Wie wenig ist Popularität ein Kriterium des Aechten! Die Lenore trägt alle Fehler der Bürger'schen Dichtweise an sich und ist weder in Erfindung noch in Behandlung ein Meisterstück."

Es war ein Knabe frech genug,
War erst aus Frankreich kommen,
Der hatt' ein armes Mädel jung
Gar oft in Arm genommen,
Und liebgekos't und liebgeherzt,
Als Bräutigam herumgescherzt,
Und endlich sie verlassen.
      [...]
Auf einmal steht er hoch im Saal,
Sieht sitzen hundert Gäste,
Hohläugig grinsen allzumahl
Und winken ihm zum Feste.
Er sieht sein Schätzel unten an,
Mit weissen Tüchern angethan,
Die wend't sich -

      der vollständige Text

 

Ihro Majestät von Martin der Ijel

Da gebläcktich Kīseran
se huet eas hoardet ugedohn
åls Krästen messe mir verzoahn
ech wūl et ha når īst noch sohn.

[...]

Der Kenneng uch de Kīserän
hu glåt äm näst gestridden,
stūlz de Krüin uch stur der Sänn
de Welt breocht endlich Fridden.

[...]

Katholesch Religion wor schwårz,
de Mänschhīt terf et wässen,
der Kiseran, dem grüißen Motterharz
hot em ze vill Blomen åf är Graw geschmässen.

   der vollständige Text

 

 

Bürgers Leonore von André in Musik gesezt und in Chinesischem Schattenspiel aufgeführt von der Fräulein von B*** zu Regensburg 1781

Herrn Bürgers leibliches Kind, und Herrn André's Pflegetochter, Leonore, hat zu Regensburg die lezte Erziehung erhalten, da sie von der Fräulein von B. im Chinesischen Schattenspiel, nach ihrer eignen Erfindung und Ausarbeitung mit Musik gegeben worden ist. Dieses Spektakel, da Schatten wirklich redend und handelnd in einer gewissen Ordnung aufgeführt werden, ist wohl das erste in seiner Art: eine nähere Beschreibung desselben dürfte also Leonorens Freunden nicht unangenehm seyn.
       [...]

     der vollständige Text 

 

Friedrich und Wilhelmine von C.v.H.g.B.B. in Unterhaltungen in Abendstunden


O Friedrich, Friedrich! bist du todt?
Wo bist du denn geblieben?
Zum zwölftenmal wird's Abendroth,
Und du hast nicht geschrieben!
Hast nicht geschrieben, wie's dir geht,
Und wie's mit deiner Liebe steht;
Kannst du denn so vermessen
Dein Weibchen schon vergessen!

     der vollständige Text
 

 

Lore. En Ballade fra dette Aarhundrede. (1793.) von Jens Zetlitz in Jens Zetlitz samlede Digte, Christiania 1825

Zu dieser Ballade stellt Ivar Sagmo in seiner Arbeit über Goethe und Skandinavien 1999 fest: "Noch 1793 meinte der Norweger Jens Zetlitz diesen Kampf gegen das, was seine Generation als "deutsche Sentimentalität" aufgefaßt hat, führen zu müssen. In seiner ´Lore. Eine Ballade aus diesem Jahrhundert´, die als eine Parodie auf die bei ihrem Erscheinen Aufsehen erregende Ballade ´Leonore´ (1783) von Gottfried August Bürger angelegt ist, hören wir von dem ´Quatsch, der Tausende Mädchen hingerissen hat´. Was ´Miller geschrieben´ und womit ´Göthe sein Zeitalter vergiftet´ habe, wird angeprangert, wie hier überhaupt über den ´Unsinn, den diese Irrlichter der Gefühle entfacht´ hätten, ein vernichtendes Urteil gesprochen wird."



I Skjonne, horer en Ballade
Og en af de elendugste,
Hvor intet Svoerd anretter Skade
Og intet Gjenfoerd er at see;
Hvor ingen Midnatsklokke lyder,
Oh ingen Ugle Vanheld spaaer,
Og ingen limpen Karl fortryder
Den Nod, ham ei til Hjertet gaaer.

   [...]

O Tydskland, o Tydskland! Du Hermanners Land,
Hvor dybt Du er skjunker i Nonsens og Vand.

   der vollständige Text

 

Lenoré von John Halket. Unveröffentlichte Parodie auf Bürgers Lenore. Handschrift in der Göttinger Universitätsbibliothek.
                     Katalogverzeichnis Nr.2° Cod. Ms. philol.

Translated from the German
      of
Gottfried Augustus Bürger
      by
      I. H.

At 1/2 past XI o'clock,
   (Like other young Ladies of fashion)
Lenoré, in nightcap, and smock,
   Popp'd out of her bed in a passion.

First ringing the bell for her Maid,
   To scold her without rhyme or reason,
"Is the dear man not come yet?" she said,
   "Though now 'tis so late in the season?"

              [...]

And You Single Spinsters so gay,
   If you wish to be thought to act right,
And to gain each a Husband by Day,
   You must not ride double by Night.


89 Strophen mit zwei farbigen Abbildungen. Ausführliche Besprechung der Parodie in G. A. Bürgers Ballade Lenore in England von Evelyn B. Jolles, Regensburg 1974, S. 160f.

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Miss Kitty: a Parody, on Lenora; a Ballad, Translated from the German. 1797. Digitalisiert von Google.

Eine ausführliche Beschreibung dieser Parodie findet sich in G. A. Bürgers Ballade Lenore in England von
Evelyn B. Jolles. 1974, S. 148f.

 AWAKE all night, Miss Kitty toss´d,
  Unconscious of the down:
"My BELMONT, art thou kill´d, she said,
  - Or, art thou not in town?"

    der vollständige Text.

 

The Maid of the Moor, or The Water Fiends von George Colman

     Frederick H. Wilkens im Kapitel German Poetry (Early Influence of German Literature in America, New York, London, Berlin 1900) schreibt: "The popularity, in England, of Bürger's ballad Lenore is well known. The English translations of this ballad, ´the best ballad of the century,´ were undoubtedly imported into America, like all the various products of the British press. Its moderate size also made it suitable for reprinting in the periodical press and it was, we may presume, reprinted in that way.2
[...] Parodies of the German ballad style also found their way into the periodical press. The Philadelphia Repository and Weekly 
      Register for 1800-1801, Vol. 1,p. 328, reprints a burlesque of the German ballads (it "appeared in The Dessert to the True American two and a half years ago") beginning :


              ´Cold blows the blast; -the night's obscure.
                   The mansion's crazy wainscots crack:
              the Sun had sunk: and all the moor,
                   Like every other moor was black."

         der vollständige Text in My Nigth-Gown and Slippers, or Tales in Verse,
                            written by George Colman, the Younger, London 1797

         Eine Rezension darüber findet man in The Critical Review, March 1798

 

 

OLLA PODRIDA. In: Staffordshire Advertiser, July 13, 1799

IMITATED FROM THE GERMAN OF BURGER,
          (Author of “Leonora.”)

     BY SIR JAMES LAWRANCE, KNIGHT OF MALTA

     So warm his passion for his bride Louisa,
        Sir Robert cannot talk of here enough,
     He would make any sacrifice to please her,
        But absolutely cannot leave off Snuff.

olla_podrida_1799

 

Lenore als Schattenspiel im Jahr 1800 in Weimar.

Prolog zur Lenore,
welche in Weimar im Jahr 1800 als Schattenspiel vorgestellt wurde, gedichtet *) von Kotzebue.

Hoch gepriesene Damen und Herrn,
Die Schale, wie Sie wissen, ist nicht der Kern.
Es möchte scheinen ein Schattenspiel
Solle bedeuten für Kinder und Weise nicht viel.
             [...]

         der vollständige Text

*) für einen kleinen Privatzirkel, im Augenblicke, als sich die darstellenden Personen in der Garderobe zur Vorstellung ankleideten.

 

nach oben       10/9.10.2021

 

1801-1810

 

Poetisch-prophetische Construction der Geschichte der Kantischen Philosophie, nebst einem
geschwänzten Sonette, und einer neuesten Epoche in der deutschen Poesie.
Eingesandt aus Jena.

Dieses ganz merkwürdige literarische Erzeugnis ist zu finden in: Neues Museum der Philosophie und Literatur, 1804 S.163-170
Ein Auszug:

Ausführlich beschreibt nunmehr der Poet das populare Drängen und das sentimentale Jauchzen des Volkes der Platten in jener Periode.
   Ach! aber für Lenoren
   War Gruß und Kuß verloren.
Die Philosophie fand ihren Mann nicht. Und Kant ließ noch immer nichts von sich hören.
Der Poet mahlt hierauf die verzweiflungsvolle Situation der Philosophie.
   Als nun der Zug vorüber war,
   Zerzauste sie ihr Rabenhaar,...
Dieses Gemählde konnte nicht schicklicher ausgeführt werden, als durch die Unterhaltung der Philosophie mit ihrer
M u t t e r, nämlich der V e r n u n f t.
   Die Mutter lief wohl hin zu ihr.
   Ach ! daß sich Gott erbarme !

       der vollständige faksimilierte Text mit dem geschwänzten Sonette

 

Charade von Chk. in Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, Leipzig 1803

Lenore fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen.
´Ach Gott! Geliebter! du bist todt!
Ich sah in höhern Räumen
Dein bleiches Bild durch Nebelflor
Wehmüthig nach mir blicken,
Und tief aus wunder Brust hervor
Gepreßte Seufzer schicken.

   der vollständige Text

 

The Observer. No. VI. Imitation of Burger's "Lenora". In: The Poetical Magazine, London 1804

     At Whitsuntyde, with gloomy thoughts,
        Poor Mary struggled sore;
     "My William, art thou slaine," said she,
        "On Egypt's fatal shore ?"

    He went abroade, with many moe,
       The Gallic foe to quell,
    But he no word to her had writ,
       An he were sick or well.

    der vollständige Text im The Poetical Magazine

 

Lenore. (Bürger hörte dieses Lied Nachts in einem Nebenzimmer.) In: Des Knaben Wunderhorn, Zweyter Band, Heidelberg.     Über den Zusammenhang mit Bürgers Gedicht siehe Frau Auguste Pattberg, von Reinhold Steig 1896.

Es stehn die Stern am Himmel,
Es scheint der Mond so hell,
Die Todten reiten schnell:
        [...]

   der vollständige Text
 

 

Emma und Edgar von Annette von Droste-Hülshoff.

Cornelia Blasberg schreibt dazu u. A.: "Aufschlussreich ist das Gedicht im Hinblick auf Drostes literarische Sozialisation und die Entstehung der frühen Lyrik durch Nachahmung. Mit seinen 17 achtzeiligen Strophen, die Kreuzreime im ersten und Paarreime im zweiten Quartett kombinieren, gibt sich Emma und Edgar als Kurzfassung und Variation von Gottfried August Bürgers (1747-1794) berühmter Ballade Lenore (1773) zu erkennen."  

Wild brauste der Sturm durch die Wälder,
Es rauschte der Regen herab,
Durchnäßte die wogenden Felder
Und stürzt' vom Gebirghang herab;
Es flogen die Wolken, es wälzte der Nord
Durch der Burg hochwölbende Hallen sich fort,
Und Emma in einsamer Kammer
Rang weinend die Hände voll Jammer.

   der vollständige Text
 

nach oben     5 / 9.10.2021

 

1811-1820

 

Empfindung bey Lesung des Briefwechsels zwischen Bürger und Boie über die Lenore von J. E. A. Stigler. In: Morgenblatt für gebildete Stände, 16. July.


O wie beneid´ ich deine Schöne,
Du Zeit, voll Dichterruhm und Glauz;
 Und euer selig Loos, ihr Söhne
Der Musen und des Vaterlands!
Euch flocht, vereinigt, die Kamöne,
Den neidenswerthsten Lorberkranz,
Von Blut und Thränen nicht begossen,
Und keinem Leichenfeld entsprossen.

   der vollständige Text

 

Braut Lenore von Friedrich Rückert in Friedrich Rückert's Kranz der Zeit, Zweiter Band, 1817

Ein schön französisch Mägdlein schaut
Des Nachts im Mondenscheine:
Hier lieg' ich arme junge Braut
In kalter Nacht alleine;
Mein Bräutigam, der mich betrog,
Von hier ins kalte Rußland zog.
Hast du die Lieb' erfroren
Zu Moskow vor den Thoren?

   der vollständige Text
 

nach oben     2 / 8.10.2021

 

1821-1830

 

Zeitung der Ereignisse und Ansichten. Berlin. In: Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz : ein Volksblatt 09.04.1823
  [...]
Der alte Silber nur macht ihr die Wiege,
Der sorgt schon, daß sie leise sich bewegt,
Und daß sie paßt für alle Kinderbettchen.
Und wenn vielleicht die letzte Stunde schlägt,
Dem fügt er auch sechs Bretter und zwei Brettchen;
Und wie es nun der liebe Gott beschied,
Singt er bald Wiegen- und bald Sterbelied.
  [...]

 

 

Korrespondenz-Nachrichten [Schön Ella]. In: Beilage zur Charis, Rheinische Morgenzeitung 28.6.1823

Warum hielt sich der Dichter des Freischützen nicht strenge an das poetische Schauergemälde, wie es uns Bürger so herrlich in die Tiefe der Seele wirft? — Stellen wir uns einmal den Donner einer Weberischen Komposition, abwechselnd mit empörter Natur und wahnsinniger Todesvernichtung, einen vierfachen Ritt — den vierfachen Mord hat wohl der Dichter aus Klingers Faust entlehnt? — in verwandelten Nachtszenen wie sie uns Bürgers Ballade vorführt — bis auf den Kirchhof und den tiefen Alt des Sängers, den gellenden Gesang der Sängerin — Bürgers Strophen, oder andere rezitired vor und das Haar wird sich uns vor Entsetzen empor sträuben.
   Sag an, wo ist dein Kammerlein?
   Wo? Wie dein Hochzeitbettchen?
   Weit! Weit von hier! Still, kühl und klein!
   Sechs Bretter und zwei Brettchen!
Verschwinde dann das Höllengebilde der Unglücklichen; erwache sie in ihrem Wahnsinn auf den Kirchhof, wie sie uns der Dichter vorführt; ende sich die Catastrophe mit einer sanften Auflösung in den Armen des erlösenden Todes. Wo bleiben dann die Kalbsköpfe? Wo das Geplärr der Kritiker, die wohl tadeln, aber es nie besser machen können?
 

 

Nachtstücke aus der Traumbildergallerie. in Zeitung für die elegante Welt 13.6.1823

“Nein, so war es nicht gemeint! Wohl gruben sie, doch ach! kein Blumenbeet, kein Ackerfeld, sondern ein enges, tiefes Grab! Und jetzt erst,– so spät,– begann die Musik. Es war derselbe Gesang, welchen in Bürgers Leonore das gräßlichste Gesindel anstimmt, und welchen der Dichter dem ‘Unkenruf in Teichen’ vergleicht.
Ein leerer Sarg hob sich empor, und die Larven grinsten Karolinen winkend an.”

 
 

Bekanntmachung. Aus dem Großherzogthume Baaden . in Isis oder Encyclopädische Zeitung Heft 12 1823

„Was aber der Ausdrucke ‘Wir setzen Voraus, daß.. .-.. bis.... zu verschaffen’ zu bedeuten habe, werden die Besitzer der Hunde nothgedrungen nur einzusehen glauben, - ich verstehe es wenigstens nicht- bis gemeinschaftliche Mithülfe der geweckten Menschenliebe, einen neuen Schritt zur Aufklärung dieses Uebels versuchen wird. Doch es wird wohl noch lange heißen!
  Geduld. Geduld. wenn's Herz auch bricht
  Mit Gott im Himmel had're nicht.
  Des Leibes bist du ledig
  Gott sey der Seele gnädig!
      aus Bürger's Leonore.”

 

 

K l e i n e  L e s e f r ü c h t e in Zeitung für die elegante Welt, 30. März 1824

In der Münchener Akademie der W. ist nach dem Hesperus 1824. No. 39, eine Notiz des akademischen Astronomen S o l d n e r über den neuen Kometen verlesen worden, deren eigentlicher Inhalt gewesen, daß er ihn noch wenig beobachtet habe, daß aber die in den Zeitungen spukenden Beobachtungen des Kanonikus S t a r k in Augsburg auf astronomische Charlatanerie hinausliefen. Die Münchener Flora hat bei Gelegenheit dieses Kometen der dortigen Sternwarte das Epigramm angehängt:
 "Schläfst, Liebchen oder wachst du?" Schlagender noch wäre folgende Travestie aus Bürgers Leonore gewesen:

      Graut Liebchen auch? Der Mond scheint hell,
      Hurrah! Kometen laufen schnell!
      Graut Liebchen vor Kometen?
      "Uh - ah!*) - Laß die Kometen!"

*) Gähn-Interjection.

 

 

Der Brautkuß von Anastasius Grün [Ant. Alex. Gr. v. Auersperg]. In: Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens. Wien, 23. July 1825 

Der Brautkuß.
 Ballade.

 Was flattern die Raben am Hochgericht?
Was wimmert der Eulen ächzend Gezücht?
Sie wimmern der Sünderinn Leichengesang,
Den Todtenreih'n flattern die Raben bang.

 Was blicket der Mond so bleich herab?
Er blicket traurig auf's frische Grab,
Wo eingescharrt die Verbrech'rinn, die heut
Am Rade der grinsende Tod gefreyt.

 Ein Knäblein, das sündige Liebe gebar,
Rang hülflos das zarte Händepaar;
Statt Lebens gab Tod ihm der Mutter Hand,
Weil treulos der Vater in fernem Land.

 Der zieht nun zur Heimath bey stiller Nacht,
Kein Ahnungsbild ist in dem Falschen erwacht,
Vergessen die Taube, die er verführt,
Weil neue Liebe sein Herz nun regiert.

 Und sinnend wallt er in die Nacht hinein,
Hell blinken die Sterne, der Mond so rein;
Da flattert der Raben und Eulen Gezücht
Und siehe! er steht am Hochgericht.

 Dort schimmert im silbernen Mondenlicht
Ein frisches Grab; er kennt es wohl nicht -
Und neben dem Leichenhügel hinab
Senkt tief sich, noch offen, ein anderes Grab.

 Da fährt es ihm schaurig und kalt durch den Sinn,
Er starrt auf die beyden Gräber hin
Und wie er aus seinem Entsetzen erwacht,
Sieht wandeln er eine Gestalt durch die Nacht.

 Sie wallet ihm näher, und er erblickt
Ein Mädchen von himmlischer Anmuth geschmückt;
Ein Kranz ihr weißrosig die Stirne umschließt,
Von welcher das goldene Lockenhaar fließt.

 So steht vor ihm das herrliche Weib,
Ein Band von Demant umschlingt ihr den Leib,
Es streuet der Mond sein Silberlicht
Ihr mild in das bleiche Angesicht.

 Und als er in's Antlitz der Wandlerinn schaut,
Erblickt er erstaunt die betrogene Braut;
Neu lodert der Liebe erstorbene Gluth,
Es fließt ihm so wohl durch Gebein und Blut.

 "Woher, fein Lieben, so spät bey der Nacht?
Was hat aus dem wärmenden Bett dich gebracht?"
""Ich floh aus der Kammer, da weil' ich nicht gern,
Denn, Liebster, dich glaubte ich treulos und fern.""

 ""Es ließ im Gemach mir nicht Rast und Ruh,
Drum wallt' ich in Gram deinem Pfade zu.""
"Was deutet am Haupte der rosige Kranz?
Was prangst du so reich in des Schmuckes Glanz?"

 ""Der Brautkranz, der blüht auf dem Haupte mir,
Das Brautkleid, das ist meines Leibes Zier,
Es harren die Hochzeitsgäste im Haus,
Es blieb nur der Bräutigam zögernd aus.""

 "Ich walle, mein Liebchen, zur Hochzeit mit dir,
Doch reiche erst liebend den Brautkuß mir,
Dann eine uns Segen und Schwur am Altar,
Dann schlinge den Reigen der Gäste Schaar."

 Es schwellet zum Kuße die Lippe so heiß,
Doch Schrecken! er küßt nur Moder und Eis;
Es rieselt ihm Fieberfrost durch das Gebein,
Es schwindet verlöschend des Auges Schein.

 Er sinket, er sinket im Schwindel hinab
Und taumelnd sinkt er in das offene Grab,
Sein brechend Auge noch, statt der Braut,
Am Rade ein blaues Irrlicht erschaut.

 Und krächzend flattert vom Hochgericht
Hinab auf die Leiche der Raben Gezücht,
Es wimmern die Eulen den Todtengesang
Und durch die Nacht wiederhallt es bang.
   Ant. Alex. Gr. v. Auersperg

[Scharmitzer, Dietmar: Anastasius Grün (1806-1876): Leben und Werk
S. 81: Das Gedicht variiert zugleich Bürgers "Lenore" - hier ist es die Frau, die den Geliebten zur Hochzeit holt.]

 

Die Male (Amalie) von C.W.Peschel. In: Schlesischer Musen-Almanach. 1829. (Sammlung Helmut Scherer)

Die Male sprach: - ums Morgenroth
Erwacht aus schweren Träumen -
“Zehn Freunde gehn wohl auf ein Loth,
Noch immer thut er säumen!
Ich meinte doch: in einer Nacht
Wär fertig solch ein Rock gemacht,
Ich hatt´s ihm ja geschrieben,
Und er - ist ausgeblieben.”

    der vollständige Text.

 

Herr Holtei fuhr um's Morgenroth. In: Didaskalia, 7. Juli. 1829

Herr Holtei fuhr um's Morgenroth
  Empor aus Dichterträumen,
Zum Drama konnt' er Wilhelms Tod
  Zu bilden nicht versäumen:
Er bot auf seine ganze Macht,
Dem besseren Geschmack der Schlacht
  Zu liefern, ward geschrieben.
  Wär' er zu Haus geblieben!

 

 

O Tannenbaum. In: Illustrierter Sonntag 21.12.1830

Häusliche Vorweihnachtstragödie
Eine Axt, ein Bohrer, eine Säge, ein Hammer,
ein Plagen, Verstecken, ein Jagen und Hasten,
und dann noch dazu der übliche Jammer
über den scheußlichen Nagelkasten.

Sechs Bretter und Brettchen, zwei hölzerne Keile,
zwölf Nägel, acht Schrauben, ein blutender Daumen,
Zwei Finger, zerkratzt von den Zähnen der Feile
und Tannennadeln an Zunge und Gaumen.
    [...]
 

 

Ideal eines armen Teufels. In: Damen-Zeitung : ein Morgenblatt für die elegante Welt 10.11.1830

Zur vollen Sicherung lasse sich der Gute obendrein noch assekuriren, damit er bei erlittenem Brandschaden, (der auch aus Wunden entstehen kann, wenn der Brand dazu kommt,) wenn auch keine Entschädigung für Kopf und Herz, aber doch ein ganz kleines Haus zinsfrei erhalte, worin man, obgleich nur innerhalb sechs Brettern und zwei Brettchen, doch ganz bequem seine Interessen (freilich oft nicht einmal Eins von Hundert) verzehren kann!"

 

 

Postwesen. In: Allgemeine Handlungs-Zeitung 22.8.1830

Ersteres konnte man nicht, wegen der dann entstehenden Frage, war es denn seither nicht so? letzteres will man nicht, weil es zu natürlich und zu wenig einträglich ist, also bleibts beim Alten und der wissende Korrespondent hat wolfeile und schnelle Briefe, der nicht wissende verspätete und vertheuerte
   Welchen Namen verdient wol ein solches Verfahren?
   Geduld, Geduld! - wenn's Herz auch bricht,
   Mit taxschen Posten hadre nicht;
   Des Geldes wirst du ledig,
   Gott sei den Briefen gnädig!
                  H. aus G.....M.


Correspondenz. In: Flora 26.4.1830

Armer Weinmüller, sie haben das Loos um deinen Direktions-Talar geworfen und wollen dir ein andante auf der G. Saite vorgeigen: doch tröste dich sans comparaison mit dem Sprüchworte vom armen Haasen: Denke:
   Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht
   Mit Abbonnenten hadre nicht;
   Der Bühne wirst du ledig,
   Gott sey dem Huber gnädig!
 

 

Nachricht. In: Das schwarze Gespenst 21.2.1830

Nro. 42 des "schwarzen Gespenstes" ist gestern von der Königlichen Polizei-Direction confiscirt worden.
  Dies zur Nachricht für unsere auswärtigen Abonnenten, denen diese Nummer ( v o r l ä u f i g) nicht zugestellt werden kann.
      Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
      Mit m i r , o Leser, had're nicht´.
                         Die Redaction.

 

nach oben     10 / 6.12.2021

 

1831-1840

 

GAZETTE DE MAISE_ET_LOIRE

[…] Un poète allemand a reproduit la même pensée que Bossuet sous le voile de l'allégorie : Bürger aussi a peint des couleurs les plus vives l'entraînement des passions. La ballade de Léonore ne semble qu'un conte de revenans, mais ce conte de revenans n'est qu'une image effrayante de notre position. Lénore, c'est la France ; le spectre, c'est la révolution : comme Lénore, la France est emporté par un mouvement irrésistible, vers un précipice qu'on lui cache, mais qu'elle pressent. Ah ! Les peuples emportés par les révolutions, vont vîte, parce que, comme les morts, ils n'ont qu'un seul moevement, la chute ; qu'un seul point d'arrêt le tombeau.
Henri Fonfrède a développé cette allégorie d'une manière frappante :
« La France, dit-il, ressemble à cette fiancée blasphématrice d'une ballade allemande, elle s'élance sur le coursier du fantôme qui l'emporte à travers les champs, sous une lune pâle et glacée : l'horison fuit et recule dans des ténèbres mouvantes : quand nous arrêterons-nous ? Dit-elle toute éperdue. - Marchons, marchons, répond le fantôme en pressant sa course : le morts vont vîte. - Quand nous arrêterons-nous, répète-t-elle encore d'une voix plus faible ? - Les morts vont vîte, répondit-il, de nouveau, plus rapidement emportés ….. Ils arrivent enfin, les grilles du cimetière se brisent devant eux, et tous les deux s'engloutissent dans la fosse humide qui leur sert de couche nuptiale. »
 

 

From the Age. In: Dublin Evening Mail, 18. May 1831

The Whig Ministers have got the country into such a situation merely to keep their places, as that they cannot now remain stationary. They have introduced a bill which contains provisions of which even they are now afraid; but how will they, after exciting the feeling they have done, be able to repress it? “On, on, on,” must he now our motto. Hurre, hurre! Hop, hop, hop! Like the demon steed in Burger's Leonora; and who can say when we are to find a resting place?

 

 

Sourel. Das Original stammt von Christian Heinrich Gilardone und steht in: Parodiee, Gedichtches und prousaische Uffsätz. Vun kahn Jüd' - van e Gojem. Speyer 1832

Die Parodie beginnt mit einem

          Proloug

Wer iss aesteitisch unn kennt nicht
Em Berger sein Lenoure? -
Es gebt kahn feineres Gedicht!
Nahn, halt, vitzekepoure!
Dou kimmt unn lies't mein Parodie,
Gebt's eppes Kouscherer's aß die; -
Ouser, sie macht Euch traurig
Denn sie iss gar sou schaurig.

       der vollständige Text

 

 

Lenore fuhr ums Abendroth von Moritz Gottlieb Saphir. In: Der Bazar für München und Bayern, 18. Oktober 1833

Lenore fuhr ums Abendroth
Empor aus dem Theater,
Ich litt' als hätt' ich schwere Noth,
Und gähnte wie ein Kater;
Hätt Friedrich einst statt aller Macht
In jener großen Prager Schlacht
Ein solches Stück geschrieben,
Es wär kein Feind geblieben!

Der Bürger und die Bürgerin
Sie machten mich bald müde,
Ich warf mich auf den Sperrsitz hin
Und schlummerte voll Friede.
Und als gar kam der Sing und Sang,
Da wartete kein Mensch mehr lang,
Es sogen sich die Weisern
Zurück zu ihren Häusern!

 

Lokales. In Der Bazar für München und Bayern 22.1.1833

“In Neuathen hat die Cholera die ‘Götter Griechenlands’ ergriffen. Die ‘Eos’ und die ‘Flora’ sind hinübergeschlummert zu ihren Lesern. Die ‘Eos’ fuhr schon ums Morgenroth des Jahres ab.”

 

 

Sourel. Parodie von Bürgers Leonore, im jüdischen Dialekte, wie er am Rhein gesprochen wird. In: Gemeinnütziger und erheiternder Haus-Kalender 1834

Die Sourel faeihrt um´s Morjerouth
Uff ahnmoul uff aus Traeume:
“Nu Itzig lieb, sag bist du toudt,
Sag, wie lang willst de saeume ?” - -
Der Itzig, mit Napoliouns Macht
Marschirt uff Rußland in der Schlacht,
Hot noch kahn Wort geschriebe,
Oeb er gesund geliebe.

     der vollständige Text
 

 

 

Rez. Der homöopathische Rathgeber für das Haus von Eleonore Wolf. In: Hygea, Fünftes und sechstes Heft, Carlsruhe 1834

Leonore fuhr ums Morgenroth
Als mag'rer Krebs nach Leipzig;
Sie gab von ihrem Himmelsbrod,
Umsonst - der Magen sträubt sich.


 

August Waise von Carl Flormann in Conversationsblatt.16.1.1834

          [...]
Ich hatte im Eifer des Vortrages nichts bemerkt, und sprach eben mit dumpfer Stimme:
  Graut Liebchen auch? - - Der Mond scheint hell!
  Hurrah! Die Todten reiten schnell!
  Graut Liebchen auch vor Todten?
Da fiel er mir laut, halb unwillig, halb flehend in die Rede: Ach! Laß sie ruh'n, die Todten! -
          [...]


        der vollständige Text

 

Frankfurter Nationaltheater. In Frankfurter Ober-Post-Amts-Zeitung 4.5.1834

“Fazit des Urtheils über Hrn. Christ ist: Hr. Christ ist ein recht tauglicher Schauspieler für kleinere Bühnen, wo man K o m ö d i e spielt und keine M e n s c h e n darstellt. Woher der Mann auf unsere Bühne gekommen, das weiß der Himmel:
  ‘Sie frug den Heerzug auf und ab,
  Sie frug nach allen Namen,
  Doch keiner war, der Kundschaft gab,
  Von allen, die da kamen.’"

 

 

Aus Breslau. In: Wiener Theater-Zeitung (Bäuerles Theaterzeitung) 22.7.1835

Aber unser Theaterdirector. Hrn. H a a k e, ward grausig bei dieser Doppelgängerei, zumal er, ein Unstudierter, an das all nil racuum nicht glaubt. Zum Glück leuchtete ihm ein Theaterblitz, und er ging - nein, er rannte, flog, bis er die Wahrheit an ihrem luftigen Fittich erwischt hatte. Ein dankbares Geschöpf, die Wahrheit, er gab ihr eine Vorstellung, sie gibt ihm neunzehn, und beide halfen sich auf die Beine. - Sie kam also, diese in der That für Hrn. H a a k e sehr einnehmende Wahrheit, welcher am Wollmarkt ihr zu Ehren einen vierfachen Preis setzte, um den Alle, die in der Wolle saßen, Fremde und Einheimische, kaufen mußten;
   Und, hurre, hurre, hopp, hopp,
   Ging's fort im sausenden Galopp !
 

 

Kobbe, Th. v.  Napoleon Hannibal Scipio Meyer. In: Blätter für Scherz und Ernst 7.12.1835

Da nun so viele Deutsche und Engländer ein Raub des gelben Fiebers würden, so habe Nichols trotz aller Gutmütigkeit, welche er besitze, die freilich nicht höfliche Gewohnheit, jeden seiner Landsleute sofort bei dessen Ankunft zu messen, um bei der ersten Nachricht von seinem Ableben sogleich mit dem letzten Bette von sechs Brettern und zwei Brettchen bei der Hand zu seyn.

 

 

Napoleons Zug nach Russland. In: Ein hundert deutsche historische Volkslieder. Hg. Fr. Leonard von Soltau Leipzig 1836

Napoleon fuhr ums Morgenrot
Empor aus schweren Träumen -
Ach, alles hin, ach, alles tot,
Jetzt muß ich Deutschland räumen!
Er war mit seiner ganzen Macht
Gen Rußland zogen in die Schlacht,
Man hatte oft geschrieben,
Daß er gesund geblieben.

       der vollständige Text

 

Die Fahrt nach der Brigittenau. In:Ein Beitrag zur heiteren Deklamation, Im Verlage bei Franz Wimmer, 
 Wien 1834 - 1839

D` Lenorl fuhr ums Abendroth
Empor aus düstern Träumen ;
“Wo bleibt mein Jörgerl ? - Schwerenoth,
Wie lang wird er noch säumen ?
Er ging als Aufhackknecht ins Gay ,
Und schwur bey seiner Lieb´ und Treu
Zum Kirchtag mich zu führen ,
Und dort recht zu traktiren !”

       der vollständige faksimilierte Text mit Original

 

 

F. von Semper Lustig. In: Das schnurrige Sextet, Leipzig 1836

De Rifke fuhr üms Morgenrouth
   Empor aus schweren Träumen,
Bist untreu, Mauschel. oder toudt?
   Wie lang noch werste säumen?
Er wor mit aner Jüdenband
Gezogen nach Ochsen ins' Pauhlenland;
   Ka Wörtl hot er geschrieben
   Ob er gesünd geblieben.

      der vollständige Text

 

 

Reise-Skizzen aus Italien von Ludwig August Frankl. In: Wiener Zeitschrift, 27. July 1837
              [...]
Der Esel fiel bald aus dem Galopp in kurzen Trab, so daß es mir durch Leib und Seele ging, und ich dachte schmerzlich:
      "Des Gehens bist du ledig,
       Gott sey der Seele gnädig."
Ein freundschaftlicher Stein machte dem Trabe ein Ende, indem der Esel über ihn stolperte:
       "Graut Grauchen vor dem Steine?
        Ach lass' sie ruh'n die Steine."
              [...]
 
      der vollständige Text

 

Von Salzburg bis Kufstein. von Dr. W. Mair. In: Wiener Theater-Zeitung (Bäuerles Theaterzeitung) 6.5.1837


Endlich nach viermaligem Rapporte, in welchen sie uns immer getreulich berichtete, wie der Eine just gerade kein Roß zu Hause habe, der Andere kein Waherl, der Dritte keinen Bub'n, u. s. w.; hatte sich endlich der Bäcker entschlossen, uns ein herz- und magenerschütterndes Schweizerwagerl, seinen Fuchsen und einen kutschirenden Mühljüngling zu senden, die uns entführen sollte.
  Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp,
  Ging's fort, in sausendem Galop,
  Daß Kies und Funken stoben -
  W i r s a ß e n s e u f z e n d o b e n!

 

Die Gallopade von Ulrich von Destouches. In: Erzählungen und Gedichte. München 1839. Digitalisiert von Google

   Die Lenerl fuhr am Faschingstag
Empor von ihrem Sitze:
"Wo nur der Krispin bleiben mag,
Der bringt mich noch in Hitze!" —
Denn da er zu der Gallopad'
Sie lang schon engagiret hat,
So war ihr angst und bange,
Blieb er doch gar so lange! —

   der vollständige Text

 

Gregorius fuhr ums Morgenroth von Theodor Echtermeyer und Arnold Ruge in Der Protestantismus und die Romantik 1839.

Gregorius fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
Bist untreu, Wilhelm? o der Noth! -
Da schrieb er ohne Säumen:
Was immer er geschrieben,
Er sei sich treu geblieben.
 
   die vollständige Quelle          

 

Paris, vom 20. Juli. In: Altonaer Mercur : Zeitung und Intelligenzblatt für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg 24.7.1839

Nach der galoppirenden Abstimmung über das Budget (ein Berichterstatter wendet darauf die Worte der Bürgerschen Ballade Leonore an: Hurrah! die Todten reiten schnell!) wird die Deputirtenkammer, ehe sie in den Hafen der ersehnten Ruhe einläuft und gleichsam zur Entschädigung für das vertagte Zuckergesetz, sich mit dem wichtigen Gesetze wegen Verbesserung der Französischen Häfen beschäftigen (s. Mercur Nr. 172).

 

 

Stegmayer, K. Aus meiner Reiseschreibtafel. In: Österreichisches Morgenblatt 1.4.1839

Eine Eidergans, die auf mich mit ausgebreiteten Flügeln losflatterte und auf deren Halse zu meinem Entsetzen das brünftige Köpflein einer wollichten Clauren-Gustel schwankte;– dazu umflatterten mich bemooste Karpfen aus Charlottenburg, und plätscherten im See der Pfaueninsel gar lustig die schönen Merinoschafe, und die Purschen aus Juther und Wegners Weinstube umstellten mich mit ungeheuren gußeisernen Flaschen, in denen der herrlichste Wein glühte und Marqueure pfropften mir alle Taschen voll mit süßsaurer Conditorei-Waare und Berliner Witzen, und um mich ertönte es im widerlichen Gesange der Sonntags-Currende, zu dem das fatale Glockenspiel den Takt schlug:
   „Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht,
   Mit Gott im Himmel hadre nicht;
   Bei Sonnenschein und Kerzenlicht
   Gedenke uns'rer, armer Wicht.“
 

 

Lithographie, 1839. Gleimhaus Halberstadt

"von Wenig [Lithographische Anstalt] zum Behuf des Abdrucks auf Porcelanpfeifenköpfen lithographirt.

Der Lehrer Bockelmann an der höhern Bürgerschule zu Halberstadt ward im J. 1839 von dem Oberlehrer Dr. Schatz am Domgymnasium in der Magd. Zeitung beschuldigt, das von ihm geschriebene Programm: Zur Erklärung und Beurtheilung von Bürgers Lenore fast wörtlich aus einem von Wackernagel zu Basel verfassten Progr. Über diesen Gegenstand abgeschrieben zu haben, woraus ein weitlauftiger Federkrieg entstand und B. zuletzt seine Gegner bei dem OL Gerichte zu H. durch den Justizcommiss. Kieselbach verklagen liess. Hierauf erschienen Pfeifenköpfe mit obigen Bildern."
bockelmann1_1839

bockelmann2_1839

 

 

nach oben     18 / 06.12.2021

 

1841-1850

 

Der Schriftsteller. Von W. v. A. In: Das Buch deutscher Parodieen und Travestieen, Zweiter Cyclus, Erlangen 1841

Es fuhr Herr Carl um´s Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
“Du bist ein großer Schlagetodt,
Wie lange willst du säumen ?
Du schreibst so gut, wie Göth´und Tieck;
So setz´dich hin, schreib die Kritik
Von Bürgers Leonore,
Das macht gewiß Furore !”

     der vollständige Text

 

 

Der Buckelfriedel. In: Der Wanderer 12.1.1841

Die Geister nickten mit freundlichem Grinsen. und F r i e d el begann nach damaliger Sitte im Tacte des Liedes: „Komm' ich nicht heut. ist's Morgen auch Zeit." gar lieblich zu musiziren. und die entzückten Schattengestalten dreheten sich leicht und manierlich Paarweise auf dem hügeligen Tanzboden. ohne zu stolpern; aber sie wurden des gemäßigten Vergnügens bald überdrüßig. und winkten dem Geiger im schnelleren Tacte zu fiedeln; er griff nun rascher die Saiten und hurre, hurre. hopp hopp hopp. wie Wirbelwind ging's im Galopp. daß alle Geister schnoben und hoch die Stelzen hoben.

 

Der beliebte Bösewicht. In: Der Österreichische Zuschauer 15.1.1841


   Als Geiger zieht er durch das Land,
   Die Fiedel nimmt er kaum zur Hand,
   So fängt der Schwindel an.
   Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp !
   Geht's fort im Walzer und Galopp,
   Als wär's uns angethan.

 

 

Kappenfahrt. In: Kölnische Zeitung 21.2.1841

Lenore fuhr ums Morgenroth,
Wenn andre Leut' noch träumen;
Wir fahren nach dem Mittagsbrod,
Doch woll'n wir dann nicht säumen.
Wer aber lieber reiten mag,
Der braucht nicht just zu fahren,
Er reite immer zu und sag':
Lass’ fahren hin, lass’ fahren.
Knapp', sattle mir mein edles Roß,
Ich muß, ich muß von hinnen,
Vorbei schon zog ein tücht'ger Troß
Von Reitern, Reiterinnen.
Rapp, Rapp, mich dünkt, der Caffe ruft,
Horch, spitze Ras' und Ohren.
Rapp! Rapp! Ich wittre Caffeduft,
Nur flink, sonst setzt es Sporen.
Im Laacher Hof der Caffe dampft,
Wir schlürfen ein ihn heiter;
Der Wagen rollt, der Schimmel stampft,
Wohlan, jetzt ziehn wir weiter.
Wir ziehn am n e u e n M a r k t vorbei,
Und durch die S c h i l d e r g a s s e,

Dann rechts die h o h e S t r a ß' hinein
Zieht sich die bunte Masse.
Drauf durch die h o h e P f o r t e geht's,
Doch woll'n wir sie nicht stürzen,
Wer durch den B a c h drauf waten will,
Mag bis zum Knie sich schürzen; —
M a l z b ü c h e l durch, H e u m a r k t entlang
Durch K ä s t e r hin, von dorten
Rings um den a l t e n M a r k t herum,
Hinauf, hinan — M a r s p f o r t e n.
Nun rechts in d' Hochstraß eingelenkt,
Den W a l l r a f f s p l a t z durchzogen,
Durch F e t t e n h e n n e n; links geschwenkt,
Die S c h m i e r s t r a ß halb durchflogen.
Jetzt heißt es: Halt! nun sind wir da
Am Saal der Kappenbrüder,
Wir treten jubelnd ein allda
Und singen frohe Lieder,
Und zeigen, wie durch E i n i g k e i t
Lust, O r d n u n g, edles Streben
Des Faschings schöner Zweck gedeiht.
Drum soll er ewig leben!

 

Aus Paris. In: Frankfurter Konversationsblatt 14.9.1843

Eugene Sue hat nun endlich seine Mysteres de Paris im Feuilleton des Journal des Debats, eben nicht besonders zufriedenstellend, beendigt; - doch verspricht er ein neues, sich an dieses anschließendes Werk, das die weiteren Schicksale Fleur de Mariens und Rodolphes enthalten soll. - Also:
  Geduld! Geduld! wenn's Herz auch bricht
  Mit Eugene Sue hadert nicht
  Des Einen seyd ihr ledig
  Gott sey zum Andern gnädig!

 

 

Der Katzenjammer nach dem Börsenrausche in Der Humorist 17. Juni 1844
Große Zahnlücken sind in den Reihen zu bemerken; wie nach einer Schlacht fragen sich die auf dem P l a t z 
G e b l i e b e n e n um die Zahl der T o d t e n, H a r t b l e s s i r t e n und V e r m i ß t e n mit Z a h l e n und
Z a h l u n g e n! Und Mancher, der
          »Mit König Friedrich's Macht
          Gezogen in die Prager Schlacht,
          Der hat nicht mehr geschrieben,
          Und ist zu Haus' geblieben!«

 



Fürchterliche Ballade. In: Der Anecdotenjäger, Februar 1846 [als Quelle nennt Didaskalia vom 27. Januar 1846: Aus der "Narrhalla. Mainzer Karnevalszeitung. Redigirt von Ihm. Sechster Jahrgang. Erste Lieferung. Mainz, 1846. Druck und Verlag von Joh. Wirth."]

Der Saal erglänzt im hellsten Kerzenstrahle
Und lust'ger Sang ertönt aus jeder Kahle.

Und Tänzer fliegen auf der Freude Schwingen;
Doch ein Herz klopft voll Kummer und voll Bingen.

Es ist das Herz des Fräuleins Leonore,
Des Fräuleins mit dem rabenschwarzen Lockenhoore.

   der vollständige Text 

 

Herr Bayard von Carl Eduard Cramer in Ein fliegendes Blatt aus dem Vaterlande. Leipzig 1846

Herr Bayard.
Frei nach Bürger

Herr Bayard fuhr zur frischen Luft
   Empor aus Grabesräumen.
"Wer pocht, wer weckt mich aus der Gruft
   Zu neuen Lebensträumen?
Erst wandte jüngst mir Kotzebue
Viel mitleidvolles Lächeln zu;
   Jetzt, fürcht' ich, geht's noch schlechter,
   Jetzt werd' ich zum Gelächter",

"Seigneur, wohl manches Ritters Ruh'
   Stört man in uns'ren Tagen! -
Bin Sachse, bin, wie Kotzebue,
   Ein Deutscher, so zu sagen!"
"Dann scheint ein Denkmal mir zu drohn?
Wie, selbst aus fremder Nation
   Plagt Eures Deutschlands Mode
   Die Todten jetzt zu Tode?"

"Ein Denkmal? nennt es so, wohlan!
   Nur war, verehrter Franke,
Bei dem, was mein Genie ersann,
   Ans Denken kein Gedanke.
Ist dies der Türkensäbel doch,
Den unser Gegner schwingt so hoch;
   Lass' uns den Sieg ihm rauben
   Durch Grobsein und durch Glauben.

Ein Nam' auch, den ich uns erlas,
   Sei frei von Mißverstande.
Wie man den Gegner Africas
   Einst Africanus nannte,
Wie ferner, ganz im gleichen Geist,
Ein Heer Gesellschaft Jesu heißt,
   So wir, dem Feind zum Hohne,
   Intelligenzbarone.

Zu üppig blühn die deutschen Gaun,
   Drum wuchern dort Gedanken.
Barone setzten einstens, traun,
   Dem Volkswohl Maß und Schranken;
Doch jetzt kein Kampf auf Hieb und Stich!
Von uns wird, mindstens, sicherlich,
   Sobald er angebrochen,
   Gehaun nicht und gestochen!

Ein Blatt, ein Nonplusultra-Blatt,
   Sollst Du zur Fehde führen,
und Jeder fühlt sich schwer und matt,
   und fühlt ein seltsam Rühren,
Als spürt er tief mein Doctorthum
In eingegeb'nem Opium,
   Und könnte nie genesen -
   Sobald er's durchgelesen.

O Chevalier, steh' mächtig da,
   Als Geist von starkem Geiste!
Ein Ritter und ein Doctor - ha!
   Da beugt sich auch der Freiste!
Und waren Beide ehedem
Einander nicht durchaus bequem,
   So sprech' ein Pfaff den Segen,
   Daß wir der Eintracht pflegen".

Nun tanzten wohl im Mondenglanz,
   Mit Grazie und ohne,
Still murmelnd, ihren Kettentanz
   Intelligenzbarone:
"Heil Frankreich, wo der Retter naht!
Er ist der Hort für Kirch' und Staat,
   Der Tod der Sturmaufreger,
   und Hunger der Verleger!" -


 

The New Leonora (Altered from Bürger). In: Punch, Vol. XII London

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Punchs Poems of Parliament

The New Leonora (Altered from Bürger)

The County-Member rose from dreams
  Of Peel und base defection:-
"Art lost, or liv'st in STANLEY'S schemes,
  My own, my loved Protection?"
The cause hab suffered in the fight,
Where Peel with COBDEN joined and BRIGHT;
But there was an impression
'Twould rise again this Session.

  der vollständige Text

 

Achter Auftritt in Eine Kartoffelkomödie von Heinrich Hoffmann 

         LALA
  (oben am Fenster)

Bist du's, mein Knot-jang, dessen Lied
Wie kühner Efeu sich zu meiner Zelle rankt?

       KNOT-JANG

Jawohl! Jawohl! Tu auf, mein Kind!
Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
Wie bist du gegen mich gesinnt?
Und weinst oder lachst du?

        LA LA

Ach, Knot-jang, du? - So spät bei Nacht?
Geweinet hab ich und gewacht;
Ach, großes Leid erlitten.
Wo kommst du her geritten?

      KNOT-JANG

Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her aus Böhmen.
Ich habe spät mich aufgemacht,
Und will dich mit mir nehmen.

    (Wuwatz zeigt sich und ist höchst erstaunt.)

Doch jetzt ist genug deklamiert! Hurtig herab oder wir sind verloren!

 

 

Des alten Europa's Zukunft von Friedrich Saß 1847

Friedrich Engels schreibt in seinem Manuskript über die wahren Sozialisten (Manuskripte und Drucke zur Deutschen Ideologie, 2018): “Zu der Berliner Couleur des wahren Sozialismus gehört auch Herr Friedrich Saß, der ebenfalls ein Buch über seine geistige Vaterstadt geschrieben hat. Von diesem Herrn ist uns indeß nur ein Gedicht vorgekommen, das in dem sogleich näher zu besprechenden Püttmannschen ´Album´ p 29 zu lesen steht. ln diesem Gedicht wird ´des alten Europa's Zukunft´ nach der Weise: Lenore fuhr ums Morgenroth mit den ekelhaftesten Ausdrücken, die unser Verfasser in der ganzen deutschen Sprache finden konnte, & mit möglichst vielen grammatischen Fehlern besungen. Der Sozialismus des Herrn Saß reduzirt sich darauf, aß Europa, das ´buhlerische Weib´ nächstens untergehen wird.”

Des alten Europa's Zukunft

Europa, Deine Stunde naht,
Und Deine Säulen zittern;
Es muß die alte Cadmussaat
Im wilden Sturm verwittern;
Dein Mark, Dein Leben ist geknickt,
Dein blut'ger Purpur wird geflickt,
Und Deine Diplomaten,
Was können sie noch rathen?

      der vollständige Text

 

 

Saphir.M. G. Der Rezensent in dem Gasluster des neuen Carl-Theaters. In: Der Humorist 16.12.1847

Sollte Herr C a r l eines jener urwüchsigen Durchfallstücke geben, die wir hier seit einem Jahre in solch' üppiger Vegetation über die andern Vorstadtbühnen schreiten sahen? Selbst jene Stücke, die an gewissen Theatern gefallen, würden hier Fiasko machen.
   Wo sind die Stücke, die gefallen? „Ich frug den Heerzug auf und ab, ich frug nach allen Namen, doch alle gingen bald in's Grab, von Lustspiel, Possen, Dramen!"

 

 

Wie die Todtenkopf-Legion ausreist in Wiener Punch, 21. Dezember 1848
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     Er war vor uns'rer Heeresmacht
      Entflohen schnell um Mitternacht,
      Und hat im Blatt, im lieben,
      Ein Wort nicht mehr geschrieben!
      Und viel Gesindel, husch, husch, husch,
      Kam hinter ihm geprasselt,
      Die jedes einst, wie Herr Cartouche,
      Durch Blätter hat gerasselt.
      "Sasa, Gesindel, wo ist der Muth,
      Daß Ihr so sehr laufen thut?"
      - „Schön Dank, wir retten unsere Felle,
      Die Todten reiten schnelle!"

 

 

 

 

 

 

 

 

In Liebe kein Todesgrauen von August Kopisch in Allerlei Geister, Berlin 1848

"Ich halte Wort, ich komm zu Nacht;
Wie schwer ich sank in blut'ger Schlacht!" -
   Wie heiß sie ihn umschließt,
   Wie sie in Thränen fließt! -
"Margrethe, graut dir nicht?" -
"Wie soll mir graun, bin ich bei dir,
Bin ich bei dir und du bei mir?" -

"Komm mit!" - "Ich komm!" - "Mein Roß ist grau;
Doch streift's mit uns den lichten Thau!
   Wie scheint der Mond so hell,
   Wie jaget Tod so schnell!
Margrethe, graut dir nicht?" -
"Wie soll mir graun? Ich bin bei dir,
Ich bin bei dir und du bei mir!"

"Vorüber fliegt manch lieber Ort;
Wie fröhlich waren einst wir dort!"
   Wie scheint der Mond so hell,
   Wie jaget Tod so schnell! -
Margrethe, graut dir nicht?" -
"Wie soll mir graun? Ich bin bei dir,
Ich bin bei dir und du bei mir!" -

Da wehts entgegen kalt wie Eis:
"Margrethe, wird wie Schnee so weiß!
   Die Erde weicht hinein,
   Wegflieht des Lichtes Schein.
"Margrethe, graut dir nicht?" -
Da hangt sie stumm an seinem Mund,
Und über ihnen schließt der Grund.


 

The Bürger and Brighton Leonora, or Romance versus railway: dedicated by permission to all desperate daughters - by I.W. Warre Tyndale; illustrated by K.A. Drake.  Digitalisiert von Google.

LENORA from her dreamy bed
  Awoke at rosy break of day:
“Oh, William, art thou false or dead,
  Why tarry thus so long away?”
With Frederic´s royal train and might
He went to Prague´s protracted fight,
And ne´er had tidings sent to tell
If still he lived, if all were well.

     der vollständige Text mit vielen Illustrationen.

 

Bürgers en Amstels Leonora: een spoorweg romance, opgedragen aan alle wanhopig dochters
het Engelsch van J.W. Warre Tyndale vrij gevolgd door W.J. van Zeggelen. Digitalisiert von Google.

    Rezensionen von 1849 und 1850 zu dieser Parodie in der ONLINE-BIBLIOTHEK

Naauw lichtte in ´t Oost de dageraad,
  Toen LENORE ontwaakte,
En met de smart op ´t schoon gelaat
  Een zucht van weemoed slaakte.
“Ach, WILHELM! ach wanneer misschien
Zal ´k u gelukkig wederzien ?
Of moest, bij ´t dolend zwerven,
Ge op vreemden bodem sterven?”

     der vollständige Text mit mehreren Illustrationen.

 

 

Amüsantes. In: Wiener Zeitschrift, 3, März 1849

T ü r k i s c h e V e r o r d n u n g.

Um alle Sinnbilder und sinnlichen Ausdrücke für die rothe Republik zu vernichten, wird hiermit angeordnet.

1) Die rothe Farbe ist für immer abgeschafft und darf nie wieder hervorgebracht werden.
               [...]
7) Auch den Damen sind rothe Schleifen, Kleider, Hals- und Busentücher verboten, ebenso auch die Schaamröthe.
8) Abend- und Morgenröthe sind abgeschafft und also darnach alle Gedichte zu ändern.
So muß es z, B. heißen;

Lenore fuhr zur Frühstückszeit
Empor aus wirren Träumen.

              Der Pascha Bimmstein.

 

 

Hurrah! les Morts vont vite!  in Feuilleton du PEUPLE du 12 Juin 1849

Serous-nous morts ce soir? Mes amis, il n'importe,
On peut vivre ou mourir quand on a l'áme forte;
Ce qu'il faut, c'est aller ou vous pousse le Dieu,
Et briser ce qui tente á vous couper la route
Comme. á la baionnette, on prend une redoute
      En couirant droit au feu.

    Der vollständige Text       (Erläuterung)

 

 

Ch. de Beriot, Op. 64 In: Neue Zeitschrift für Musik 12.8.1849


Bessere Momente enthält der erste Satz, der zweite ist in dem Geschmacke der bekannten Duos geschrieben, obgleich wir auch hier noch eine größere Aufmerksamkeit auf die Arbeit gefunden haben; aber der dritte, der schon in der Bezeichnung „Finale" seinen wahren Inhalt andeutet, leidet in kaum erträglicher Weise an Gedankenleere und Trivialität. Uns fielen unwillkührlich Bürger'- Worte ein:
  Und hurre, hurre, hurre hopp,
  Ging's fort im sausenden Galopp.
Das wischt und fegt, wie mit dem Kehrbesen.

 

 

Aitrang, im Februar. In: Augsburger Anzeigenblatt 27.2.1849

Hiedurch wäre die kühne Hoffnung ausgesprochen, noch vor Ablauf des gegenwärtigen Jahrhunderts mit Gottes Hülfe und des Geldes Beistand einen Dampfkarren mit seinen Höllenfuhrleuten von Kaufbeuren nach Kempten fliegen zu sehen.
  "Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
  Mit Eurem Schicksal hadert nicht;
  Des Geldes sind wir ledig,
  Gott sey den Bauherrn gnädig"! -

 

Die Einheit Deutschlands. In: Innsbrucker Zeitung 11.12.1849

  “Geduld, Geduld, wenn’s Herz auch bricht,
  Mit Gott im Himmel had're nicht!
  Des Leibes bist du ledig,
  Gott sey der Seele gnädig!

Was aus selber geworden? was uns davon geblieben?– Ich weiß es nicht. Es müßte nur der Gattungsname: ‘deutscher Michel’ seyn . Nauwerk von Berlin sagte in der vierten Sitzung in der Paulskirche am 23. Mai 1848: ‘Es ist jedem Deutschen bekannt, daß während eines Menschenalters die deutschen Regierungen sich stets rasch vereinbarten, wo es Unterdrückung der Volksrechte galt; daß sie aber nirgends zur Einigung gelangten, wo Freiheit und Wohlfart der Deutschen es dringend erheischte. Daher noch heute die Zerrissenheit und Vielerleiheit, in welcher die wichtigsten Angelegenheiten der Nation verkümmern.’"

 

 

Die neue Lenore. In: Isis. Zeitschrift für Unterhaltung und sociales Leben, 28. Juli 1850
                      Erstmals veröffentlicht in Leuchtkugeln, 1850, S. 55

Die neue Lenore.

Rapp'! Rapp'! Mich dünkt, der Hahn schon ruft ...
Bald wird der Sand verrinnen,
Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft ...
Rapp'! Tummle dich von hinnen! -
Vollbracht, vollbracht ist dieser Lauf!
Das Hochzeitbette thut sich auf.
Die Todten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle.

Rasch auf die Revolution
Ging's mit verhängtem Zügel.
Ein leichter Schlag zersprengte schon
Den Hecker, Struv' und Siegel.
Die Bayonnette klirrten auf,
Und über Gräber ging der Lauf.
Es blinkten Leichensteine
Ringsum im Mondenscheine.

Ha sieh! ha sieh! im Augenblick,
Huhu! ein gräßlich Wunder!
Des Reichs Verfassung, Stück für Stück,
Fiel ab wie mürber Zunder.
Zur alten Willkür ward das Recht,
Der Bürger wiederum zum Knecht,
Die Einheit uns zur Ruthe,
Mit Bundestag und Knute.

Hoch bäumte sich der Standrechtrapp',
Und sprühte Feuerfunken,
Und hui! war's unter ihm hinab
Verschwunden und versunken.
Geheul! Geheul im ganzen Land,
Gewinsel bis zum Meeresstrand,
Und Gotha's Herz mit Beben
Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl beim Mondenglanz,
Rundum herum im Kreise,
Die Geister einen K e t t e n tanz,
Und heulten diese Weise:
"Geduld! Geduld! bis alles bricht,
Mit den Ministern hadert nicht!
Der Kammern seid ihr ledig:
Gott sei der Presse gnädig!" -
      (L e u c h t k u g e l n.) 

  

 

Die neue Leonore in Leuchtkugeln: Randzeichnungen zur Geschichte der Gegenwart — 6.1850

Rapp'! Rapp'! Mich dünkt, der Hahn schon ruft...
Bald wird der Sand verrinnen,
Rapp'! Rapp'! Ich wittre Morgenluft..
Rapp'! Tummle dich von hinnen! —
Vollbracht, vollbracht ist dieser Lauf!
Das Hochzeitbette thut sich auf.
Die Todten reiten schnelle!
Wir sind, wir sind zur Stelle."-

        Der vollständige Text mit Bild

 

 

Der Wochen-Krebs von M. G. Saphir in Der Humorist 5. November 1850

Wir fuhren sehr früh aus, beim ersten Dämmerlichte schrie uns eine Dame, die auch in die Luft fuhr, entgegen:
 „A u f g e s c h a u t!" Es war „L e n o r e," die eben „um's Morgenroth fuhr" in einer Droschke, wie sie Dr. L. A. Frankl für's Heil des langsamen Fortschritts längst proponirte! Wir fragten Lenore: „Was suchen Sie hier im Blauen?" Sie erwiederte: „Ich suche meinen Wilhelm, der mit „König Friedrichs Macht" ist gezogen in die Schlacht, und er hat mir zwar viel geschrieben, aber er ist mir nicht treu geblieben. Und nun such' ich ihn da oben im blauen Dunst. Haben Sie in irgend einer Windregion meinen Wilhelm nicht begegnet?"—Wir konnten ihr von ihrem Wilhelm nichts sagen, da „zerraufte sie ihr Rabenhaar," ich nahm eine Locke zum Andenken mit, „und fuhr weiter."

 

 

La Patrie, 29 septembre 1850

- Le SIÈCLE se hâte d'enterrer les solutions, en chantant à tue-tète les refrains de la ballade de Burger : les Morts vont vite ! Nous engageons le Siècle à prendre garde aux revenants.

 

 

Tagebuch. Sachsen. In: Düsseldorfer Journal und Kreisblatt 11.7.1850

Es scheint ihm zu gehen, wie Walter Scott, welcher das Leben Napoleons in 9 Bänden schrieb, weil er nicht Zeit hatte 3 zu schreiben. An Herrn Brockhaus:
   „Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht!
   Mit Gutzkow's Rittern had're nicht;
   Des Geldes bist du ledig,
   Gott sei den Lesern gnädig!"

 

 

Der Teufel und dessen Regierung. In: Der Beobachter in Nürnberg 24.12.1850

Jedem Rasirmesser sind übrigens die Verse beigelegt:

   [...]

2) "Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht -
  Nimm das Messer schnell zur Hand -
  Dein Bart darf stehen bleiben nicht -
  Herab mit ihm - für's Vaterland!" -

 

nach oben     25 / 06.12.2121

 

1851-1860

 

Der deutsche Kaiser, von Louise Dittmar. In: Der Wiener Postillon, 1851, S. 165-167

Der Deutsche fuhr um’s Morgenroth
Empor aus schweren Träumen;
“Bist untreu, Freiheit, oder todt,
Wie lange willst Du säumen?”
Die Freiheit, nach der Herrmannsschlacht,
Gezogen in die dunkle Nacht,
Sie hatte nicht geschrieben,
Wo sie seitdem geblieben.

  der vollständige Text

 

 

[FROM OUR OWN CORRESPONDENT] In: Morning Advertiser 16 May 1851

      PARIS, WEDNESDAY EVENING.
M. Leon Faucher, the Prime Minister, seems resolved to give the world ocular demonstration of the truth of the axiom, that if you set a beggar on horseback he will ride to the devil. By some of those shufflings of the cards by which the Kings and Queens have to get to the bottom of the pack, and the knaves to the top, M. Leon Faucher has twice found himself minister since the first eruption of the Republic. On the first occasion, when he was thus set on horseback, he rode helter-skelter to the – in fact, that sable personage who seems to exercise such unaccountable influence upon the destinies of this country. He has again set forth on another mad-brained galopp, again reminding us of the “Todten reiten schnell” in Burger's famous ballad Lenore.

 

 

Meine Patienten. In: Morgenblatt für gebildete Leser 24.04.1851

Es ist kein Spaß, so ein ganz verfahrenes Menschenleben vor sich zu sehen, das man auf keine Weise wieder in das rechte Geleise bringen kann. Kein Ausweg als sechs Bretter und zwei Brettchen, und diese zu zimmern muß dem großen Baumeister überlassen bleiben.
 

 

Nach Wiesbaden. In: Westricher Zeitung 17.10.1852

Der Reisende hat keine Ruhe. Von Ungarn muß er gleich wieder hinab ins Paderborner Land, und wenn er darüber um seinen Vieruhren-Kaffee kommt, so tröstet ihn nur die Aussicht auf eine gute Portion westphälischen Skinken, die sie ihm gegen schöne rothe Silbergroschen in Dryburg hoffentlich weniger versagen werden, als vielleicht sechs Bretter und zwei Brettchen benebst einem stillen Plätzlein, wenn er's etwa zufällig allda vonnöthen hätte.
 

 

 

Die Megerle von Moritz Gottlieb Saphir: Rezension "William Shakespeare," nach einer Novelle von Rödiger, von Th. Megerle. In: Humorist, 22. October 1852

Die Megerle fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen,
Bist fertig, Wilhelm? schwere Noth!
Wie lange willst Du säumen?
Er soll mit der Costumenpracht
Ausfüllen eine Schauspielnacht,
Doch ist er nicht geblieben,
Wie der Rödiger geschrieben!

 

 

Anzeige. In: Magdeburgische Zeitung : Anhalter Anzeiger 29.7.1852

   Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
   Mit Hampelmannen hadert nicht,
   Casse hatte er nöthig,
   Drum seid ihm ferner gnädig.
             L u c a s.

 

 

Illustrationen zu bekannten Gedichten. In: Der Humorist, 11. Juli 1853

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             “Lenore fuhr um’s Morgenroth
             Empor aus schweren Träumen.”

      der vollständige Beitrag 

 


Ernste und humoristische Wochenstrazza in Wiener Punch, 12. Jänner 1853

Der Humorist fährt um's Abendroth
 Empor aus seinen Räumen;
 Kreuzhimmeltausendschwerenoth!
 In's Theater ohne Säumen!
 Da hat denn für die Sonntagsnacht
 Die Burg ein neues Stück gebracht,
 Doch ist's geheim geblieben,
 Wer dieses Stück geschrieben!

 Das Carltheater und die Josephstadt,
 Der schlechten Stück' nicht müde,
 Für Sonntags stets ein Fiasco hat,
 Gott schenke ihnen Friede;
 Und in's Theater an der Wien
 Zog ich zu Feldmann's Posse hin,
 Die, geschmückt mit Lorbeerreisern,
 Gefiel den Sonntags-Häusern!

 

 

Der Heimathschein. In: Leipziger Tageblatt und Anzeiger : Amtsblatt des Königlichen Amts- und Landgerichtes Leipzig und des Rathes und Polizeiamtes der Stadt Leipzig. 16.2.1853

Der Heimathschein ist oft so ein Individuum, von dem Lenore singt: „Bist untreu, Wilhelm, oder todt, wie lange willst du säumen?" — Ja, Gott sei der Seele gnädig, die danach rennen, laufen und schreiben muß. Louis Napoleon fand die Tuilerien wie der, der Joseph seine saubern Brüder, ehe aber so Mancher den Heimathschein findet, ich glaube, da fände er eher die Quellen des Nilstroms.

 

 

Saphir, M. G. Der Wochenkrebs. In: Der Humorist 10.10.1853

Jetzt, wenn ein Papiertyphus eintritt, werden sie alle Engländer, sie essen in „Engländer's" Gasthaus ein Gollaschfleisch, trinken ein Seitel Bier, wo sollen da die Lebensgeister wieder herkommen?
   Der „W." ruft ihnen noch immer zu! Es kommt zu Nichts, wer will mit mir kaufen?
  „Der „W." frug auf und ab.
  Er frug nach allen Namen;
  Doch Keiner Geld ihm dazugab
  Von Christoph und Abrahamen."
Wenn der „W." nur e i n e Million über seine Unkosten in Deutschland mitgebracht hätte, er würde alle Papiere zusammenkaufen und die Lumpen dazu!

 

 

Oesterreich. Wien, 14. September 1854 In: Pesth-Ofner Localblatt.

Der Londoner „Punch“ hat sich's zur Hauptaufgabe gemacht, die aus der Ostsee zurückkehrende Flotte und die großmäuligen Verheißungen ihrer Kommandanten bei deren Abgange zu persifliren. Einer Abbildung ist eine Parodie von Bürger's Lenore: „Und jede Flott' mit viel Gestank, mit leeren Fässern ohne Trank, geschmückt mit Kronstadts - Mauern, zog heim um da zu lauern“ beigedruckt. Auf einem anderen Bilde sieht man einige Matrosen stehen, welche die leeren Hände ausstrecken. In der Beschreibung heißt es: „Diese sind die Messerwetzenden Jungens Napier's, aber ihre Messer sind Lichtenberg'sche Messer, nämlich Messer ohne Klingen, an denen der Stiel fehlt.“ -

 

 

SERMONA IN STONES; OR, THE MEETING OF THE STATUES. In: PUNCH, OR THE LONDON CHARIVARI 1854

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Saphir, M. G. Der literarisch-artistische Nachbarbier. In: Der Hunorist 13.12.1854

Also: La Grua — nicht da! — Dlle. Wildauer krank! Mad. Estllagh halbkrank!— Wahrlich wir möchten fragen, wie soll Herr Cornet daS Unmögliche möglich machen?! Wo findet er Sängerinnen?
   „Er frug den Heerzug auf und ab,
   Er frug nach allen Namen,
   Doch Keiner ihm noch Kundschaft gab,
   Von allen Primadamen!"

 

 

Kladderadatsch 5.11.1854

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Morendonner und Kreiselmeier. In Nürnberger Beobachter 31.10.1854

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Maskenfest. In: Bonner Zeitung, 23.2.1854

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Die Leonore. In: Der Anecdotenjäger. Zeitschrift für das lustige Deutschland. Zehnter Band. Nordhausen 1854 u. 1855.   Digitalisiert von Google

„Kraut, Liebchen, auch!" sagte mein Vater und schob die Platte mit Sauerkraut meiner Mutter zu. Es war nämlich Sonntag Mittag, und das schwäbische Lieblingsgericht stand auf dem Tische. Der mütterliche Magen konnte zeitweise kein Sauerkraut vertragen und ward alsdann mit Blutwurst und geräuchertem Schweinefleisch entschädigt, weshalb Papa für nöthig hielt, auf den Inhalt der Platte aufmerksam zu machen mit den Worten:
        „Kraut, Liebchen, auch!"
„Der Mond scheint hell!" sagte ich halblaut vor mich hin, obgleich eigentlich die Sonne schien. Papa sah mich mit freudestrahlenlen Augen an, Mama aber ließ Messer und Gabel fallen, maß erst mich, dann Papa'n mit Zornesblicken und fuhr auf: „So muß auch noch der Bube das närrische Zeug auffangen! Ist aber auch kein Wunder, denn man hört kein gescheidtes Wort mehr von Dir. Wenn mir nur das Sappermentsbuch nicht ins Haus gekommen wäre!"
        „O Mutter, Mutter, was mich brennt,
        Das lindert mir kein Sakrament!"
sagte ich, und blies mit beiden Backen auf den heißen Inhalt meines Tellers. Hätte Papa mich nicht in Schutz genommen, so wäre ich mit meiner poetischen Reminiscenz übel gefahren.

    der vollständige Text

 

Hans Daniel fuhr ums Morgenroth von Anonym. In: Kladderadatsch, 21. October. 1855

    "Rapp'! Rapp'! ich wittre Morgenluft!"
    Hans Daniel fuhr ums Morgenroth
    Mit schrecklichem Gerassel -
    Es war für ihn kein Butterbrot -
    Zum letzten Mal durch Cassel!
    Zu Ende war's mit seiner Macht;
    Es hatte noch in später Nacht
    Sein Brotherr ihm geschrieben,
    Daß er's zu arg getrieben!

    Und überall, all' überall
    Auf Wegen und auf Stegen,
    Zog Alt und Jung dem Jubelschall
    Der Freudenpost entgegen.
    Gottlob! - rief Bräutigam und Braut -
    Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
    Und Jubel ohn' Ermessen
    War in dem Lande Hessen!

    Und rasch nach rechts und rasch nach links,
    Durch Dörfer, Städt’ und Flecken,
    Durch alle Deutschen Gauen rings
    That sich der Ruf erstrecken:
    "Geduld, Geduld! Wenn's Herz auch bricht!
    Nur stets Geduld und hadert nicht!
    Hans Daniels sind wir ledig!
    Gott sei - dem Lande gnädig
    !"
     

 

 

Der "Anti-Menschen-Quälerei-Verein" im Reiche der Thiere. In: Humorist, 26. März 1855

9) Dem "Rappen" aus der "Lenore" im "Josephstädter-Theater" wird drei Tage kein Heu gegeben, wenn er so wenig zieht wie die "Lenore" selbst, die nicht r i t t, sondern f u h r "um's Morgenroth."
 

 

Lokal-Bericht. In: Düsseldorfer Journal und Kreisblatt 28.2.1855

Von hohem Werthe ist der Beitrag von Tidemand: „Die Einsegnung einer Leiche in Norwegen." Inmitten einer jener Bauernhütten, deren seltsame Struktur den besten Beweis für das im hohen Norden noch bestehende ächte Naturleben liefert, steht der Sarg auf weißgedecktem Tische. Innerhalb dieses schwarzen Bettes von „sechs Brettern und zwei Brettchen" ruht der Familienvater, der Gatte jenes armen jungen Weibes, das ihr Thränenschweres Antlitz an der Brust der alten Matrone lehnt, indeß ihr Arm ein kleines Kind umklammert hält.

 

 

Drei kleine Rätsel. In: Ortenauer Bote : Offenburger Tageblatt 13.7.1855
    1.
Ein köstliches Gewächs — der Hügel schönste Zier,
Wird, rückwärts angeschaut, ein männlich-schwarzes Thier.
    2.
Ein ungeschliffner Bursch', dem Rohheit stets die Loosung,
Dient, kopflos — hyperbolisch — als schmeichelnde Liebkosung.
    3.
Und, hurre, hopp, hopp, hopp! es trägt dich durch den Koth.
AlS Pflänzchen zeigt es sich auf Käse, Wurst und Brod. —
                      Ypsilon.

 

Die betrübte Abonnements-Karte. In Linzer Abendbote: Zeitschrift für Stadt und Land 7.12.1855

“Das ist zu viel! Ich bitte Sie daher inständigst, wenn Sie in der Rubrik, in welcher Sie die Theaterstücke anzeigen, entweder das unglückselige Wort ‘S u s p e n d u’ weglassen, oder geben Sie etwas A n d e r e s hinein. Meine häusliche Ruhe ist doch wenigstens gesichert; ist er einmal im Theater d'rin, dann mag er sagen, was er will, – aber zu Hause, geht freilich der Teufel aufs Neue los – nun Geduld, Geduld!
  ‘Wenn's Herz auch bricht!
  Mit den Abonnenten verdirb dir's nicht.’–
    Ihr ergebenstes
       wenigstrapizirtes
       Abonnementbillet.”

 

Bauprojekte über die Eisenbahn von Wien nach Linz In Wiener Telegraf 26.1.1855

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“Ein Antrag wurde in den Vordergrund geschoben, nämlich die neue Bahn so krumm wie möglich zu bauen, [...].”

 

 

Pilger- und Jägerchor von Hermann Wollheim. In: Tannhäuser oder: Die Keilerei auf der Wartburg, Hoyerswerda. 1856

       (Pilger und Jägerchor bringen zwei Bahren).
       Morgenroth, Morgenroth!
       Du Latern' zum frühen Tod.
       Ach um sich vor vielen Jahren
       Ist Lenore 'rumgefahren
       In der Droschke des Vereins.
       Kaum gedacht, kaum gedacht,
       Sollst du werden Todesnacht.
       Gestern roth und heut erblassend
       Ach das find ich gar nicht passend
       Von ein junges Liebespaar.

 

 

Thränodie von S. W. F. X. G. D. B. Schmid, Privatgelehrter aus Dresden. In: Kremser Wochenblatt, 9. Februar 1856

Dem eingescharrten Fasching g e w i d m e t ohne W i d m u n g, ohne Vorwort und ohne Nachwort.
            Motto:

      Der Fasching ist vorüber
      und "h i n ist h i n, verloren ist verloren!"
      schreit die L e n o r e in B ü r g e r s gleichna-
      miger Ballade und
      schreien 100000 T r a u e r n d e nach.
 

 

Lenore in Gedichte von Dr. Carl August Moritz Axt, Kreuznach 1856

Auf dem Söller stand Lenore
   Und der sehnsuchtsvolle Blick
Ruhte auf den fernen Bergen:
   Ach, er kehrt noch nicht zurück!

      der vollständige Text

 

 

Kaspar Hitzeblitz. In: Nürnberger Beobachter 17.4.1856

(singt.)
Napoleon und Victoria,
Des Kriegs mit Rußland müde,
Erweichten ihren harten Sinn
Und machten endlich Friede.
Und Friedrich von Schiller sagt:
O schöner Tag, wenn endlich der Soldat
In's Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit,
Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten
Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch.

Des is jottvoll, wenn sie vor eenigen
Monaten Frieden jemacht, hätten se janz jewiß eenige tausend Menschenleben erspart. Hurr Jeses, des Kanonenfutter allens bei Sebastopol, nee et is scheußlich, uf Ehr!

 

 

Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht! In: Nürnberger Beobachter 21.8.1856

“Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht! Vom Tiger fordre Sanftmuth nicht und Ehrlichkeit nicht von den Raben. Was kann der Fuchs für seine Natur? Drum mußt Du fordern das Rechte nur.”

 

Politikus Schnaunzel. In: Nürnberger Beobachter 12.8.1856

schnaunzel

 

Einlauf. In: Nürnberger Beobachter 6. August 1857

Hübsch Gretchen fuhr ums Morgenroth
  Empor aus schweren Träumen:
Bist untreu, Wilhelm! oder todt,
  Wie lange willst Du säumen? -
  Der polizeiliche Beschluß,
  Hat ihm gemacht zwar viel Verdruß,
   Doch hat er oft geschrieben,
   Daß er gesund geblieben.

  der vollständige Text

 

 

Das Deklamiren muß sein. In: Telegraf vom 6. August 1857

deklamiren_muss_sein_1857

 

An meinen lieben Wilhelm von Anonym (Briefkasten-Einsendungen). In: Augsburger Anzeigenblatt, 24. August 1857

     Vom lieben, schönen Morgenroth
     Bis Nachts die Sterne blinken,
     Ruf' ich: bist untreu oder todt?
     Wo bleibt so lang der Schinken?
     Und auch die Preßwurst rührt sich nicht,
     Vergesse nicht ganz Deine Pflicht,
     Sonst wird Dir noch geschrieben,
     Ob Du mir treu geblieben.
     Vom lieben schönen Abendroth,
     Bis zu der Sonne blinken,
     Ruf ich: bist untreu oder todt?
     Wo bleibt so lang' der Schinken,
     Geh' Wilhelm, thue Deine Pflicht
     Mit mir Herr Bruder had're nicht,
     Geh' Wilhelm, mach ihn fertig,
     Ich bin ihn jetzt gewärtig.
 

 

Von der Donau zur Mur in Tagespost 31. October 1857
 Protokollirte Reise-Romanzen von Th. Koch.
 Romanze Nr. 1.
    Von Preßburg nach Wien

    "Rapp', Rapp'! Mich dünkt, der Train schon pfeift,
    Der Oberconducteur hat just geblasen!"
                (Frei nach Bürger)

 

 

Parliament. In: Northern Whig,13. Juni 1857

There are Deputations and petitions; and there is, indeed, all the machinery of a real House of Commons. But Britannia, if she make progress, rides, like Leonora in the Bürger ballad behind a skeleton - a myth.

 

 

Politikus Schnaunzel. In: Nürnberger Beobachter 13.7.1858

Ich glaube nicht, daß es zu was Ernstlichem kommt gegen Dänemark und ich denke mir, daß wenn die Dänen die Geduld des Bundestages dermaßen schickanirt haben, daß letzterem nichts übrig bleibt, als aus der Haut zu fahren und den Säbel umzuschnallen , sie klug genug sein werden, der zwölften Stunde nachzugeben und es nicht zum Aeßersten kommen zu lassen. Zeither schien wirklich die deutsche Diplomatie das Motto angenommen zu haben:
   Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
   Nur mit dem Dänen hadre nicht.

 

 

Wochenkalender von Anonym. In: Kladderadatsch, 17. Juli 1859

       Montag, den 18. Juli.
    Italien fährt ums Morgenroth
    Empor aus blut'gen Träumen:
    Wo bist du Freiheit? Schwere Noth!
    Wie lange willst du säumen?

       Dienstag, den 19. Juli.
    Der Kaiser schreibt der Kaiserin:
    ´Des blutigen Haders müde,
    Erweichten wir den harten Sinn -
    Geschlossen ist der Friede

       Mittwoch, den 20. Juli.
    ´Gottlob!´ ruft Kind und Gattin laut,
    ´Willkommen!´ manche frohe Braut,
    Doch denkt auch Der und Jener
    Der armen Italiäner:

        Donnerstag, den 21. Juli.
    ´Du arme Freiheit, lisch nur aus!
    Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
    Für uns ist kein Erbarmen -
    O weh, o weh uns Armen!

        Freitag, den 22. Juli.
    Komm, Pfaffe, her mit deinem Chor
    Und gurgle ihr das Sterbelied vor!
    Komm her und sprich den Segen,
    Eh' sie ins Grab sie legen!´

         Sonnabend, den 23. Juli.
    Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht!
    Mit der Geschichte hadert nicht!
    Des Einen seid ihr ledig;
    Gott sei dem Andern gnädig!
                Kladderadatsch

 

 

Magenta in: Die Bombe. Journal für alles was blitzt und kracht. Wien, 10. Juli 1859
 

Magenta.

     "N a p o l e o n fuhr um's Morgenroth
     Empor von seinem Sitze,
     Bist untreu M a h o n, oder todt,
     Warum bleib' ich ohne Stütze?" 

Da kommt endlich Mahon, der den Kanonendonner gehört hat - befreiet ihn aus dem S c h l a m a s s e l, - und Paris wird zu Ehren des "S i e g e r s - E m p e r e u r" illuminirt. - M a h o n wird freilich s t a n t e p e d e Marschall - aber in den
B u l l e t i n' s wird nichts weiter von ihm erwähnt.

 

 

Nationaltheater von M. In: Mercur (Pest Ofner Kundschafts und Auctionsblatt), 3. März 1959
Das Publikum zeichnete die genannten Sänger auch diesmal durch häufigen Beifall aus, nur -

  Die Sopranistin sang mit Noth;
  Man könnte darauf räumen:
  "Leonore" fuhr um's Morgenroth
  Empor aus schweren Träumen.
 

 

THÉATRE-LYRIQUE
Faust, opéra en cinq actes de MM. Auguste Barbier et Michel Carré, musique de M. Gounod.
In : Le Charivari 22. April 1859

Suite des impressions d'un faoustiste.
Fifres, tambours, cymbales ; sifflez, battez, retentissez, la paix est faite, c'est aujourd'hui que les braves reviennent au pays, c'est comme la ballade de Lenore.
   Und jedes heer mit sing und sang,
   Mit pauchenschlag und kling, und klang !
   Gesmuckt mit grünen reisern
   Zog heim zu seinen haüsern.
Qui peut se traduire librement de la façon suivante :
   Et les soldats dansant, chantant,
   Les cymbales faisant kiing ! Klang !
   Le front paré de feuilles vertes,
   Rentrent daus leurs maisons ouvertes.

 

 

Das Grüßen und der Männerhut. In: Dresdner Nachrichten 8.10.1859

Freunde, die man sonst nur an bestimmten Vergnügungsorten und in Gesellschaften traf, Bekannte, die sich sonst nur alle Jubeljahre blicken ließen, sie schwärmen an solchen Tagen wie die Maikäfer, sie begegnen uns in einer Stunde dreißig Mal und dreißig Mal fährt der Hut auf wie Lenore um's Morgenroth aus schweren Träumen.

 

 

Montag den 7. März. In: Anzeiger und Unterhaltungsblatt für Zülpich, Lechenich 5.3.1859

anzeiger und unterhaltungsblatt fuer zuelpich lechenich 5 3 1859kl

 

 

Lenore fuhr um's Morgenroth. In: Erinnerungen an merkwürdige Gegenstände und Begebenheiten, verbunden mit erheiternden Erzählungen 1859

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Am Sterbebette ihres Kindes von Karl Bernhard. In: Gedichte eines Straßburgers, Straßburg 1860

Was starrt dein Blick so engelrein,
Du liebes, holdes Töchterlein,
Nach jenen Himmelsräumen?
Hat denn dein dunkles Auge schon
Erspäht des Weltenvaters Thron,
Dort über Wolkensäumen?

     der vollständige Text
 

 

Marktrevue. Temesvar. In: Temesvarer Zeitung 28.9.1860

Die Mädchen nehmen in wohlgestalteten Carrossen Platz; das Zeichen wird mit der Glocke gegeben und hurre hurre hopp hopp hopp gehts fort in sausendem Kreisgalopp und mit ohrenbetäubendem Musikspectakel. Gleich daneben singt uns eine Alte vor einem Bilde, das ihre Erzählung versinnlicht, von einer schauderhaften „Morithat“ und weist mit ihrem Stäbchen hin auf die schauerlichen Scenen, bei denen Dolch und Blut die hervorragendsten Rollen spielen. Dabei verfehlt sie nicht, am Schlusse ihres Gesanges bei Einsammlung der obkommenden Kupfermünzen die erbaulichste Moral mit möglichster Salbung vorzutragen.

 

 

Reichsrathssitzung vom 25. September In: Augsburger Postzeitung 1.10.1860

Fürst S a l m sagt, es sei gestern erwähnt worden, das Heil des Staates liege in einer Repräsentativ-Verfassung, in der Annahme einer parlamentarischen Regierungsform. Er könne in solcher Meinung nur einen abgeblaßten Ausdruck Rotteck-Welker'scher Staatsweisheit erblicken. Die Einheit, wie sie von gegnerischer Seite ins Auge gefaßt werde, sei diejenige des Sarges, sechs Bretter und zwei Brettchen, in welchem jedes frische Leben erstickt wird und der Staatskörper einer Leiche gleich eingezwängt da liegt.

 

 

Hyrtl, Jos. EigenthümHchkeit des anat. Studiums. In: Handbuch der praktischen Zergliederungskunst als Anleitung zu den Sectionsübungen und zur Ausarbeitung anatomischer Präparate Wien 1860

Wie schwer dieses Zergliedern ist, beweist, dass man seit Jahrtausenden noch nicht dahin gelangte, alle verborgenen Winkel jenes kleinen Baumes kennen zu lernen, der dem menschlichen Leibe gehört, und welchen begrenzen „sechs Bretter und zwei Brettchen."

 

 

Farinage für Fanni. In: Der Humorist  24.9.1860

Die Italiener wollen die Einheit, ich habe nichts dagegen, mögen sie sie haben, wenn sie so einfältig sind, solche Gelüste zu nähren. Was mich anbelangt, so bin ich, wie Figura Savoyen und Nizza zeigt, für die Z w e i h e i t. Die Italiener wollen aber auch die Freiheit. Dummes Zeug! Haben sie sonst keine Schmerzen? Jetzt, nachdem ich Italien zwei Länder abgekneipt habe. Nichts da! dulde ich solchen Unfug, wie die Freiheit ist, in Frankreich? Was Freiheit! Die Diktatur brauchen die Italiener. Wo werden sie aber einen Diktator hernehmen?
   Ich ging den Heerzug auf und ab
   Und frug nach allen Namen,
   Doch keiner den Diktator gab
   Von Allen die da kamen.
Es gibt nur Einen auf der ganzen Erde, welcher für den Diktator-Posten geeignet ist, welcher Haar auf den Zähnen und Knöpfe in der Zuchtruthe hat, und dieser Eine - bin ich!

 

 

Feuilleton und Vermischtes. In: Dresdner Nachrichten 22.8.1860

Ihr werdet eine Klinge schlagen wie noch nie. Ihr werdet in den Schuß kommen, denn, wie ich sehe, hat Mancher von Euch schon s c h a r f  g e l a d e n. — Auf, zum Kampfe! auf zum Sturm! schon wird die Batterie aufgefahren! —
  Den Schlachtruf hör' ich mächtig zu mir dringen,
  Die Fiedel schreit, Champagnerstöpsel springen;
  Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
  Die Garde s ä u f t, doch — ü b e r g i e b t sich nicht.

 

 

Lizitationsgegenstände. In: Figaro 1.12.1860

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nach oben     40 / 06.12.2021

 

1861-1870

 

Leonore, das Opfer blinder Liebe. Eine Geschichte aus Preußens großen Königs Friedrich II. Helden- und Waffenthaten. Nebst dem Liede: Lenore fuhr um's Morgenroth.

Wilhelm war der einzige Sohn eines alten biedern Landedelmannes, Namens Strahlberg in Pommern. Als sich im Jahre 1756 Preußen zum Kriege rüstete, hätte Wilhelms Vater, der früher unter den Fahnen des alten Friedrich II. gedient hatte, gerne den Feldzug noch einmal mitgemacht, allein seine geschwächte Gesundheit und hohes Alter gestatteten ihm dies nicht.
   [...]

   der vollständige Text

 

Die neue Lenore. In: Kladderadatsch 26. Mai 1861

Borussia fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
"Bin ich mir untreu oder todt?
Wie lang' noch will ich säumen?
Noch hab ich durch moral'sche Macht
Erobert nichts
, wie man gedacht
Und wie man oft geschrieben -
Ach, wo bin ich geblieben.

  der vollständige Text

 

Vom Lechthale. Ein Echo von den Bergen in zwangslosen Reimen auf das Halloh der Freimaurerblätter bei Gelegenheit der Treibjagd gegen die glaubenstreuen Tiroler. In: Tiroler Stimmen, 7. September 1861

     Die Presse fuhr ums Morgenroth
       Empor aus schweren Träumen:
     "Ist Alles untreu, oder todt?
       Wie lange wird man säumen!
     Noch immer agitiert Tirol,
     Daß es doch der Schwarze hohl
     Sammt seinem Felsenneste!
     Das wär' das Allerbeste.

     der vollständige Text in Beilage zu den "Tiroler Stimmen" No. 129 

 

Meister Fröschle's Illustrationen zu Bürger's Lenore. In: Fliegende Blätter, Nr. 815

lenore_froeschle_parodie

 

 

Wiener Eulenspiegel. In: Der Zeitgeist, 25. November. 1861

9. Erklärung von Klassikern.

Knabe. Frau Slava fuhr um's Morgentodt -
      empor aus wachen Säumen -
      Ruthen bist untreu oder roth -
      wie lange wirst Du träumen? -
      Er war mit seines Bischofs Schlacht -
      gezogen in die Schmerlingmacht -
      und hatte nicht geblieben -
      ob er gesund geschrieben.
Professor (erklärend.) Das Ausbleiben des Briefes ist leicht erklärlich, die Ruthenen pflegen nämlich meist nicht schreiben zu können .

 

 

Vermischte Nachrichten. In: Grazer Zeitung 12.3.1861

* Der in gewissen Kreisen von flotten Juxbrüdern der westlichen Vorstädte Wiens wegen seiner „göttlichen Grobheit“ hochgefeierte und unter dem mehr populären als ästhetischen Beinamen „der Sauwirth“ bekannte Wirth von Hetzendorf, der sogar auf „die Bretter“ gelangte, hat sich nun zwischen sechs Bretter und zwei Brettchen zurückgezogen, indem er, dem Vernehmen nach, dieser Tage nach kurzem Leiden von dem Schauplatze seines irdischen Wirkens abgetreten, oder, um ohne Bild zu sprechen, gestorben ist.

 

 

Dresden, den 15. August. In: Dresdner Nachrichten 15.8.1861

Einige waren sogar so frech und kühn, das eiserne Geländer zu durchbrechen, was den zu kleinen Carambolagen mit den Cassenleuten führte, ohne weiter nachtheilig auf den Cours der Waldschlößchen-Actien einzuwirken. Jubel und Freude war noch im Gange, als längst der Hahn gekräht; Familien und einzelne Glieder des Hauses, "Lenore fuhr ums Morgenroth" erst mit ihrem Papa im Omnibus heim, und wir wollen nicht in Gewölben und Schreibstuben nachfragen, wie viel Köpfe am andern Vormittag so in der Stille gebrummt haben mögen.

 

 

Kulke, Eduard. Luise Dustmann-Mayer als Darstellerin Wagner'scher Frauen-Charaktere. In: Neue Zeitschrift für Musik 4.10.1861

Wir treffen sie im dritten Act nur noch im Gebete wieder. Ihr bebendes Forschen und Suchen nach des Geliebten Antlitz unter den Gesichtern der heimkehrenden Pilger mahnt uns an die Worte B ü r g e r' s:
   „Sie frug den Zug wol aus und ab,
   Sie frug nach allen Namen;
   Doch Keiner war, der Kundschaft gab,
   Von Allen, so da kamen."

 

 

Operette Lori. In: Salzburger Zeitung 10. April 1862

lori_operette

 

 

Die Arad-Hermannstädter Bahn. In: Die Presse 20.11.1862

Wer kennt vor allem jenen mysteriösen „deutschen Culturverein". der von der Großwardein-Klausenburger Entreprise gleich einem im entscheidenden Momente auftretenden „reichen Onkel aus Amerika" mit einemmal vorgeschoben wird? Wer kennt ihn? Bis Dato hat sich noch niemand gemeldet, um ein befriedigendes Signalement über ihn abzugeben.—
   „Man frug die Börse auf und ab,
   Und frug nach allen Namen;
   Doch keiner war, der Kundschaft gab,
   Von allen, so da kamen."

 

 

Briefkasten. In: Dresdner Nachrichten 8.9.1862

Stadtpostprief. der „alte Wohlbekannte." Saft und Kraft im ganzen Artikel Seht aber nicht, Freundchen, geht nicht; höchstens nur dann, wenn mir mit dem Streichstift in der Hand den Neuntödter spielten; dies aber hieße dem Weizenkorn den lebendigen Keim ausbeißen und den Lesern das todte Mehl übrig lassen.
   Geduld. Geduld, wenn's Herz auch bricht,
   Mit Stadtverordneten hadere nicht!

 

 

Der Fürst de Hölle und Minister Bockshorn. In: Nürnberger Beobachter 3.4.1862

Fürst. Also fahre fort mit deiner neuen Heraldik.
Minister. Jetzt kommt Nr. 10. H o l s t e i n s Wappen. Dies ist ein von mehreren Raubvögeln niedergeworfener, aus zahlreichen Wunden blutender Löwe. Im Hintergrund der deutsche Michel, der sich verlegen hinter den Ohren kratzt. Unten die Devise:
   "Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
   Mit dem Geschicke had're nicht,
   Bald kann das Blatt sich wenden,
   Und Noth und Jammer enden."

 

 

Theater und Kunst. In: Harmonia, Oedemburg, 6. Dezember 1863

      Elise fuhr ums Morgenroth
      Empor aus schweren Träumen
      Sag, schläfst du, oder bist du todt?
     Wie lang willst du noch säumen!

Nun ja, wir schlafen nicht und sind nicht todt.
 Am 23. v. M. hätte uns jedenfalls der Postillon von "Stadl-Enzersdorf" wachgeblasen - und wir haben diese Parodie des französischen Lustspiels in deutscher Geduld verdaut, so gemein und trivial der erste Postillon auch immer sein mag, picanter Salat zu den zähen Braten waren die Tänze.

 

 

SPAIN. In: Morning Advertiser 14 December 1863

[FROM OUR OWN CORRESPONDENT]
             MADRID, DEC. 9.
They say that there is a skeleton in every house; but few houses have a festering corpse under the dining-table. As they banqueted at the expense of the gentleman below, possibly they may have drunk to his memory, and indulged in merry jests at his expense. Mrs. Manning, having passed her youth in the service and society of aristocratic houses, may, perhaps, have picked up a smattering of German literature in her annual trip up the Rhine with her patrician mistress; perhaps she taught her husband the railway porter, to join her in Burger's wondrous ballad,--
      “Hurrah, hurrah, the dead can ride,
       Dost fear to ride with me?”

 

 

Vermischtes In: Neue Augsburger Zeitung 3.8.1863

“Aus der landwirtschaftlichen Ausstellung in Hamburg [...] Amüsant war nur das junge Volk der noch ganz unerzogenen kleinen Ferkel in ihrer drolligen Derbheit. Sie spielten ohne Ausnahme ihren geduldigen Müttern sehr übel mit, und führten dabei ein Concert auf, gegen welches ‘Unkenruf in Teichen’ Sphärenmusik ist.”
 

 

Dresden, den 14. September. In: Dresdner Nachrichten 14.9.1864

Zu alledem sind diese Buchstabenklauberer meist noch kurzsichtig, müssen sich der Brille bedienen und von dem Flottweglesen scheinen sie noch sehr schwere Begriffe zu haben. Manchmal machen sie so ein kleines Nickchen, scheinen über dem Lesen eingeschlafen zu sein. Dieß ist aber nur Täuschung, was ein anderer Leser, der ihnen das Blatt leise aus der Hand nehmen will, sofort erfahren kann. Bei dem geringsten Geräusch fahren sie gleich der Bürgerschen „Lenore" empor aus schweren Träumen und fahren im Lesen fort, wo sie stehengeblieben sind.

 

 

Dresden, den 22, Januar. In: Dresdner Nachrichten 22.1.1864

— Wir hören von Teplitz aus, daß es mit der Gesundheit des geschätzten Schriftstellers Eduard Maria Oettinger im Ganzen viel besser geht; jedoch ist sein rechter Arm contraet und gelähmt, daß ihm das Schreiben noch immer große Schmerzen verursacht. Unter solchen Umständen ist der wackere Verleger seines neuen Romans „Gräfin Kielmannsegge" zu bedauern, der jetzt, nachdem der Druck bereits bis zur Hälfte des zweiten Bandes vorgeschritten ist, einstweilen festsitzt. Doch: „Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht" nur mit C o n t r a c t e n hadre nicht!

 

 

Theater. In: Würzburger neueste Nachrichten 6.11.1864

   Kreuz Geduld, Geduld wenn's Herz auch bricht,
   Mit hoher Regie, da hadre nicht!
   Des Schauspiels sind wir ledig
   Gott sei der Posse gnädig! - - - - -
 

 

Nur keine Ueberstürzung. In: Kladderadatsch 24.4.1864

Wann setzt - wer sagt wir das sogleich? -
Die stolze F l o t t e v o n O e s t e r r e i c h
   Dem Dänen sich zur Wehre?
Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht!
Sie ist, wenn wahr ist, was man spricht,
   Schon - a u s d e m M i t t e l m e e r e.

ueberstuerzung_1864

 

 

Leehßore, Travestie nach Bürger's "Lenore."
        Vom Verfasser des "Gütsteher." [d.i. Reb Gedaljeh Pinkeltroger]
        Wien, Herzfeld & Bauer. 1865

Leehßore wahnt sich de Agen roith
Uen höert nit auf zü schreie:
"Is Wolfele plete oder toidt?
Oder thüt er's gor bereue?"
Mit Maier, Feiwel, ün Jekewbär
Is er fort zün Schier, zün Rebbe Reb Mär;
Oder noch nie hot er geschrieben
Uem Leberlech oder Grieben.

      der vollständige Text



Verlegenheit in Neuer Styx, humoristisch-satyrisches. Beiblatt zur "Pester Sonntags-Zeitung." Nr. 14, 1865

Romanzero.
    XV.
 V e r l e g e n h e i t.

Festlich in dem Brautgewand'
Steht die Braut an Bräutigam's Hand.
Dichter Schleier sie verhüllt,
W i l h e l m ist von Luft erfüllt.

Das "Bedecken" ist vorbei,
Braut und Bräut'gam athmen frei.
Nur noch einige Sekunden:
Ewig sind sie dann verbunden.

Süßer Plebs harrt vor dem Thor,
Und im Tempel harrt der Chor,
Harrt der Gäste große Schaar,
Noch kommt nicht das junge Paar?

Bist untreu W i l h e l m oder todt?
Willst warten bis zum Morgenroth?
Und F o l e n o s, voll Ungeduld,
Dem schlechten Wetter gibt die Schuld.

Dicker Bräut'gam ängstlich schaut,
Auf die schöne dicke Braut,
Kein Fiaker in dem Ort
Führt das dicke Brautpaar fort.

Endlich nach zwei langen Stunden
Ward ein Wagen aufgefunden,
Der dazu sich wollt' bequemen,
Dickes Brautpaar aufzunehmen.


 

 

The Weather and the Crops. In: Warder and Dublin Weekly Mail, 29. April 1865

[...] Talking of Poles, it was an emigrant who had actually taken part in more than one Warsaw insurrection who performed the responsible office of engine driver from the French frontier at Busigny, near Cologne, to the station at
Montmartre, and had thus charge of the train bearing the Czar of all the Russias. He managed to keep up a velovcity of 30 leagues an hour, and might, if so minded, have re enacted what Burger sang in his German ballad of Leonora.

 

 

SPORTS AND PASTIMES. In: Bicester Herald 04 August 1865

By far the handsomest of the three Goodwood Cups, was the Chesterfield, run for on the last day. Somewhat wandering out of the beaten tract of equestrian groups, c., the designer, Mr. Robert Jefferson, has taken to the realms of poetry, and produced a subject illustrative of the German ballad of Leonora, exquisitely beautiful, and so much superior to anything we have seen in that way lately that we regret it was not the Cup of the meeting. The horse on the course has a wonderful amount of “go” in him; and the attendant angels, Leonora's intercessors, which form the handles, are beautifully designed in oxidised silver. There is a vast amount of elaborate ornamentation at the base, and, altogether, the piece of plate reflects the highest credit on both modeller and manufacturers.

 

 

Entreelied, von Henrion, Poly [Kohlenegg]; Musik Carl Millöcker. Sachsen in Oesterreich.
             Komisches Grenzbild mit Gesang, Wien. 1866

    Aurora fuhr ums Morgenroth!
    Bist, Theurer, untreu oder todt?
    Wie lang wirst Du noch säumen?
    Er hat mir nicht geschrieben,
    Ob er is todt geblieben.
    Was nützt mich all' mein Träumen!
    Ich weiß nix von mein Schatz,
    Ach! am End' g'hört er gar schon der Katz!

 

Minister-Conseil. In Figaro, 10. November. 1866

Minister-Conseil

Belcredi fuhr um's Morgenroth
Empor aus wirren Träumen:
Jetzt geht wieder an die schwere Noth!
Wir dürfen nichts versäumen.
Doch reiten wir nicht hopp, hopp, hopp,
Sofort im sausenden Galopp,
Auch wollen wir nicht trottiren,
Nur sachte das Rößlein führen."

     der vollständige Text

 

David und Itzig. In: Politisch-humoristisch-satyrisches Universal-Lexikon, 15. Jänner 1866

Kühranda fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen.
"Bist untreu David? oder todt?
Wie lange willst du säumen?
Du zogst mit deines Troßes Macht
Nach Prag, zu schlagen manche Schlacht
Und hast mir nicht geschrieben,
Ob du gesünd geblieben."

     der vollständige Text

 

les morts vont vite (Die Todten reiten schnell) in Le Charivari, 29 jullet 1866 (RETRONEWS der BnF)

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     zur Erläuterung

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Nacht im Nordbahnhofe zu Wien. In: Ortenauer Bote : Offenburger Tageblatt 14.08.1866

Es war 6 Uhr Morgens, als wir den Bahnhof verließen. Alle, die sich an dem Liebeswerke, die Verwundeten zu pflegen, betheiligt hatten, waren erschöpft, und doch galt es, in einer Stunde von Neuem zu arbeiten. Das arme Weib mit dem Säugling kauerte noch immer in der Ecke und suchte ihren Sohn.
    Sie frug den Zug wohl auf und ab
     Und frug nach allen Namen,
    Doch Keiner, der da Antwort gab,
     Von Allen, so da kamen.
Das junge Mädchen mit den schwarzen Locken hatte noch keine Nachricht von ihrem Bruder erhalten. Möge Beiden ein späterer Tag erfreuliche Kunde bringen!
                       (Wiener Fremden-Bl.)

 

 

Deutsche Weisen mit Nachklängen. In: Würzburger Wochenblatt und Stechäpfel 30.6.1866

   "Das Volk steht auf, der Sturm bricht los,"
   Es gießt Kanonen der Franzos.
       [...]
   "Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,"
   Mit Kriegsgesetzen had're nicht.

 

Feuilleton. Musik. In: Wiener Zeitung 20.11.1866

“Sonst möchten wir aber dieses Concert im Allgemeinen nicht zu den von besten Sternen beschienenen zählen. Schwankungen mancherlei Art machten sich fühlbar, besonders bei ‘Rosamunde’; die Clarinetten waren ‘Unkenruf in Teichen’, das Publicum verhielt sich ruhiger, gemessener denn sonst, obwohl es sehr zahlreich vertreten war.”

 

 

Der Deklamator in Verlegenheit, von Karl Zwerens. In: Der flotte Geist, Wien. 1. Februar  1867

    Zum Ich möchte gern was deklamiren,
    Man macht sich ja dadurch beliebt,
    Nur kann man auch dabei riskiren,
    Daß es Verlegenheiten gibt.
    Die Wahl des Stoffes ist entscheidend,
    Zuhörer gibt's verschied'ner Art,
    Was für den Einen ist zu schneidend,
    Dem Andern scheint es viel zu zart;
    Ein Dritter will nur Großes hören,
    Dem Vierten Kleines nur gefällt
    Und Alle, Alle stets begehren
    Was Neues! - Gibt's das auf der Welt?
    Ist denn nicht Alles alt geworden?
    Hat nicht das Gute immer Werth?
    So will ich denn von da und dorten,
    Nur Altes kochen an dem Herd:
    So ein Ragout vom Zeitenschmause,
    Aus Wohlbekanntem bunt gemischt,
    Das sei zum gütigen Applause
    Deklamatorisch aufgetischt. - -
    Man kennt, was Bürger hat geschrieben:
    ´Lenore fuhr um's Morgenroth´ -
    Da bin ich stecken schon geblieben.
    Wie helf ich mir aus dieser Noth?
    Ich muß auf Bürger's Rechnung reimen:
    Lenore fuhr um's Morgenroth,
    Empor aus sehr verliebten Träumen,
    ´Bist untreu Wilhelm, oder todt?´
    Sie hat um ihn geseufzt bei Nacht,
    Was hat indessen er gemacht?
    Sie muß es wissen auf der Stelle,
    Und ´hurre! hurre! hop, hop, hop!´
    Da springt sie schon an seiner Schwelle
    Aus dem Fiaker im Galopp.
    ´Rasch auf ein eisern' Gitterthor,
    Geht's mit verhängtem Zügel

    Es kommt ihr was verdächtig vor,
    Sie sprengt der Thüre Riegel:
    Da sitzt er in dem Kanapé
    Und bei ihm eine and're Fee!
    Der Zweifel ist sie ledig,
    Gott sei dem armen Teufel gnädig! - -
    ´Die Tochter des Pfarrers von Taubenhain
    War unschuldsvoll, wie ein Täubchen´ -
    Da fällt mir schon wieder nichts weiter ein,
    - Ja, ´zu enge ward ihr das Leibchen
    Ein Lump war der Ritter von Falkenstein,
    Hat sie doch nicht genommen zum Weibchen -
     

 

Passende Lieder für den österreichischen Staatsminister. In: Champagner: humoristisch-satyrisches Wochenblatt. 9.2.1867

“Wo bleibt mein Geld, so frag' ich alle Tage.
 O, du lieber Augustin, alles ist hin.
  Ja, das Gold ist nur Chimäre.
  O Mutter, hin ist hin,
  Verloren ist verloren!
  Was fang' ich armer Teufel an!!?
Ich hab mein Sach' auf Nichts gestellt - O weh!”

 

Ball-Chronik von Sincer. In: Oedenburger Bote, 1. März 1868

Der Sommer fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen
Schläft Sincer oder ist er todt -
Wie lang' wird er noch säumen?

 

 

Eine Wolfsjagd in Siebenbürgen. Süddeutsche Post 20.2.1868

Bis auf ungefähr 30 Schritte von der Straße galloppirte Meister Isegrim auf mich zu; dann aber nahm er seinen Weg in paraleller Richtung mit der Straße, von Zeit zu Zeit eineu lüsternen Blick auf mich werfend. Schnelligkeit nützte nun nichts mehr, desto mehr aber mußte ich jetzt darauf achten, daß mein Pferd nicht stürze. Wäre dies der Fall gewesen, dann adieu Welt! Mit meinem Säbelstumpfe hätte ich nichts thun können. So ging's nun:
   Hurre hurre hopp hopp hopp
   Fort im saußenden Galopp
   Daß Roß und Reiter ſchnoben
   Aus dem Eise Funken stoben,
bis ich Rosenau erreicht hatte.

 

 

Fünftes Sinfonie-Concert der K. S. musikalischen Capelle. Saal des Hotel de Saxe. Dienstag,am 11. Februar. In: Dresdner Nachrichten 13.2.1868

Göthe behauptet: „Der Deutsche giebt sich gern Rechenschaft von Dem, was er thut." Das läugne ich, und zwar ganz besonders, als die erste Programmnummer des Concerts ihre Beseitigung gefunden oder zu dem Punkte gekomnen war,auf welchen sich die letzten Worte von Bürger's "Leonore" anwenden lassen, wo es heißt: „Des Leibes bist Du ledig, Gott sei der Seele gnädig!"

 

 

Briefe an eine Unbekannte. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 16.8.1868

Die Blätter sind voll „interessanter Einzelheiten," die Politik wird benagt, um nur mit der größten Ausführlichkeit berichten zu können, die Entreprise de pompes funebres bemächtigt sich der Leichen um sie als Reclame zu benützen, von protestantischer Seite überbietet man sich in Beweisen von Uneigennützigkeit, es sticht so gewinnend ab gegen die Härte mit welcher die „katholischen" Gebühren eingetrieben werden und wird nur durch die Herablassung übertroffen, diese „unerläßlichen Gebühren" selbst von jüdischen Zeitungsredacteuren huldvollst anzunehmen. Non olet! Sechs Bretter und zwei Brettchen, fünfmal genommen, für Großmutter, Mutter und drei Kinder, ein Trab hinaus vor die Linie, an drei Gräbern warme Segensworte, an den zwei anderen bezahltes und auf Stämpelpapier quittirtes Gemurmel, einige Schaufel voll Erde darüber und Alles ist vorüber, nichts mehr mahnt an die abscheulichen Blasen, welche der Glutofen die „Gesellschaft" getrieben.

 

Delegations-Bankett. In: Figaro 15.2.1868

“Wie es vielleicht später einmal von den Ungarn arrangirt werden dürfte.
 Der Bankettsaal ist durch eine Glaswand in zwei Hälften getheilt; die Abtheilung für Ungarn ist von Gaslicht hell erleuchtet. Ueber dem Sitze des Präsidenten stehen in goldenen Lettern die Worte:
    Parität, 30 Perzente oder Nichts.
Die cisleithanische Saalhälfte ist durch ‘Schusterkerzen’ erleuchtet, den Deputirten sind hölzerne Bänke als Sitzplätze angewiesen. Oberhalb des Präsidenten-’Bankel's’ liest man die inhaltsschweren Worte:
   Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
   Das Quotenzahlen ist Bürgerspflicht.”

 

 

Breitmann in Maryland von Charles G. Leland. In: Hans Breitmann's Barty and other Ballads, London 1869

B. F. schreibt in Our Monthly Gossip (Lippincott's Magazine, April 1869):
“[S. 457] The article in the Spectator is one of the best, as the reviewer has most thoroughly appreciated and fully understood the exquisite humor with which the author, in the true Teutonic style, mixes up sentiment with sausages, Limburg cheese with literary aspirations, and much beer with Moral Ideas. It is singular, however, that not one of the critics should have discovered the subtle vein of parody which runs through the volume. Not only are several stanzas of Bürger's ´Lenore´ travestied in ´Breitmann in Maryland´ but the ballad of ´The Father and the Son´ is a close parody of ´Das Hildebrandt's Lied´ in Das Heldenbuch; [...].”

DER BREITMANN mit his gompany,
Rode out in Marylandt.
'Dere's nix to trink in dis countrie ;
Mine droat 's as dry as sand.
It 's light canteen und haversack,
I 's hoonger mixed mit doorst ;
Und if ve had some lager-peer
I 'd trink oontil I boorst.
Gling, glang, gloria !
Ve 'd trink oontil ve boorst.
      [...]

   der vollständige Text

 

Schwindel, nichts als Schwindel. In: Der Zeitgeist, 10. Mai, 1869

           [...]
Aktien, das ist das große Losungswort des Tages, nur Aktien! und man gründet darauf los,
 als ob die Welt fürderhin nur aus lauter Gründern, Verwaltungsräthen und Direktoren
bestehen sollte -

     Und hurrah, hurrah, hopp, hopp, hopp,
     Geh't's fort im sausenden Galopp,
     Daß Volk und Gründer schnoben
     Und Aktienfetzen stoben,

und auch die Gefahr, die ganze Börsen-Gallopins-Bande mir zu bitterbösen Feinden zu machen,
 möchte ich einen zweiten Passus der famosen Bürger'schen Ballade, in moderner
Uebertragung zum Besten geben, der da lautet:
    "Und an der Börse Spindel
     Da tanzt ein lustiges Gesindel."
          [...]

    der vollständige Text

 

Eine Konfiszirte. In: Der Floh, 19. Dezember 1869

Elias fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen -

   der vollständige Beitrag  

Diese Parodie hatte ein gerichtliches Nachspiel, wie die Berliner Gerichts Zeitung vom 10. März 1870 berichtet:
"Auswärtiges.
Wien, 5. März. Ein Scandalproceß der stärksten Art kam an den Tagen Freitag und Sonnabend v. W. vor dem hiesigen Schwurgericht zur Verhandlung. Der Angeklagte ist der verantwortliche Redacteur des hierselbst erscheinenden Witzblattes ´Floh´, Carl Floch. Er wird beschuldigt, durch verschiedene, in seinem Blatte veröffentlichte Artikel, die am Carltheater engagirte
Schauspielerin, Fräulein Hermine Meyerhoff theils bildlich, theils wörtlich in der ehrenrührigsten Weise beleidigt zu haben.
        [...]
Der Gerichtshof verurteilt den Angeklagten zu einem Monat Arrest und zu 60 Gulden Cautionsverlust, ferner zur Veröffentlichung des Urtheils an der Spitze seines Blattes und zur Tragung der Kosten.”
 

 

Scene in Sprühfeuer, Original-Lustspiel von Oscar Friedrich Eirich. Wien 1869

I d a. O ja, hören Sie nur. (stellt sich in Positur und deklamirt mit komischem Pathos).

Leonore fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen.
Da zogen drei Burschen über den Rhein
Bei Leonoren kehrten sie ein,
Und wie ein Gebild aus Himmelshöhen
Sahen sie die Holde vor sich stehen,
Es sprachen alle drei in Jugendprangen
Mit züchtigen verschämten Wangen:
Wir liebten dich immer, wir lieben dich heut'
Und werden dich lieben in Ewigkeit!
Sie aber erwiedert mit freiem Sinn:
Meine Ruhe ist längst schon dahin.
Mein Herz ist schwer
Euch schenk' ich es nimmermehr!
Da zogen die Burschen nach Hause
In die still' einsame Klause
Schütteln die Mähnen
Mit langen Gähnen
 Strecken die Glieder
Und legen sich nieder. 
Und so lagen sie viele Tage
Zu ihrer und der andern Plage
Bis ein Strom aus Felsenrissen
Sie in den Strudel der Wellen gerissen!
Es kommen, es kommen die Wasser all'
Sie rauschen herauf sie rauschen nieder
Die Burschen aber bringt keines wieder.
   Nun wie gefällt Ihnen das?

M a x. Ich finde, daß Sie viele Werke berühmter Männer gelesen haben, daß Sie aber ein wenig anektiren. Wenn man sich auch zuweilen Citate erlauben darf, und Vorbilder, wie ein Wieland, Schiller, ein Bürger -

I d a. (lachend) Jetzt haben Sie sich aber stark geschnitten! Sie sagen: "Wieland, Schiller ein Bürger" und der verstorbene Schiller war gar Bürger, zuerst war er Feldarzt, ist er Dichter von Profession geworden und man hat ihn in den Adelsstand erhoben, folglich kann er nie Bürger gewesen sein. 

 

 

Negative Punschtelegramme. In: Wiener Punsch, 10. Februar 1869

Der Wiener fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen,
Bist untreu, Freiheit, oder todt,
Wie lange willst Du säumen?
Sie ist mit klerikaler Macht
Gezogen in die Römer Schlacht
Und zappelnd mit den Füßen
Läßt's Concordat uns grüßen.

Es rief Graf Bismarck jüngstens erst
Erbittert und voll Rage,
Wir können halten uns nur mehr,
Durch tücht'ge Spionage!
Was sagst, o deutsches Volk, denn Du
Zu dieser Grand-Blamage?
Die Antwort ist zu finden leicht,
Bagage bleibt Bagage!

 

 

O Mutter, Mutter, hin ist hin! in Fliegende Blätter 50 1869

lenore_fliegende_blätter_50-1869

 

 

Karnevals-Reminiszenzen in Neue Zeit, Olmüzer Zeitung 14. Februar 1869

Es ist Ball – ein „deutscher“ Ball! Der deutsche Stuzer kömmt. Er borgt sich vom Franzosen eine ziemliche Dosis Arroganz, ohne dessen Geschmeidigkeit; vom Briten eine Portion englisches Phlegma und Nonchalance, ohne deren Natürlichkeit. Dieses, gepaart mit deutscher Unbehilflichkeit und Schwerfüßigkeit wird bis zur modernen Ungeschliffenheit potenzirt, und so ausgerüstet in den Ballsaal hinein
„mit mächtigem Schritt
    der Stuzer tritt.
    Er sieht sich stumm
    rings um,
    mustert die Schönen,
    schüttelt die Mähnen;
    dann strekt er die Glieder
    und sezt sich nieder.
Dann stürzt wie aus offenem Thor
Mit plumpen Sprunge der Stuzer hervor,
Und greift mit wilder Gier -
Nach einer Gazelle hier;
und jezt geht es: Hopp! hopp! hopp!
fort in sausendem Galopp,
daß Kies und Funken stoben,
und beide Tänzer schnoben.“

 

 

 

Trost der Ultramontanen. In: Kladderadatsch 14.3.1869

   Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht,
   Der N u n t i u s entgeht uns nicht!
   Wird euch auch etwas lang die Zeit,
   Vertraut nur fest auf A d e l h e i t!

 

Wochen-Plaudereien. In: Augsburger Neueste Nachrichten 8.11.1869

“Mir hat der häßliche Alte gefallen, ich habe mich neben ihm auf einen alten verwitterten Grabhügel gesetzt und mir Todtengräber -Geschichten erzählen lassen, Histörchen, heiter und ernst, traurig und schaurig; das klang so heiser und hohl, wie vor Zeiten bei der alten Muhme in der Spinnstube. Und er erzählte mir, wie einst in sternenheller Nacht der Mond über die Gräber schien und einen muthigen Kavalier, ein lebensfrohes Prinzlein beleuchtete, den sein Durst nach heißen Küssen hieher geführt und der von einem leise und lose dahin schwebenden Gespenst überrascht wurde. So eine Chevauxlegers-Säbel thut oft gute Dienste, meinte der geschwätzige Alte. Wie singt doch Bürger:
 ‘Graut Liebchen auch? ... der Mond scheint hell!
 ‘Hurrah, die Todten huschen schnell!
 ‘Graut Liebchen auch vor Todten?
 ‘Ach nein! ... doch laß die Todten!’"
 

 

 

Die Schlacht von Wörth. Ballade von Gottfried August Bürger. In: Immortellen des Schlachtfeldes von Wilhelm von Plönnies 1870.

Im schönen Land am Oberrhein
Da hat sich´s zugetragen:
Drei feine deutsche Mägdelein
Die sah ich steh´n und klagen.
Du liebliche Markgräflerin,
Wo ist dein helles Lachen hin?
Wo sind der Schwäbin Scherze?
Was bricht der Bai´rin Herze?

     der vollständige Text.

 

LEAN ´NORA:Supernatural, though Sub-pathetic BALLAD. A Good Long Way (almost Ninety-Seven years) AFTER THE GERMAN OF GOTTFRIED AUGUST BÜRGER. BY HEINRICH YALC SNEKUL [d.i. Clay Lukens] 1870.

At dawn of day, lean 'Nora wakes;
   From night-mare, quick alighting.
"Ach, William mein !"- she shuddering shakes;
   His paper profile sighting:
"He fights at Prague, mit Fritz the Great,
For extra news, in vain ich wait,
   Und long for William's kissing;
   Mein Gott! he turns up,- missing!"

     der vollständige Text.

 

Lenore. (Frei nach Bürger.) In: Figaro, 20. August 1870

Lenore fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
"Louis! Schlage doch die Preußen todt,
Wie lange willst du säumen?!"
Das war im Schlosse zu Paris,
Wo der Gemal sie jüngst verließ,
Um seine lahmen Beine
Zu tragen nach dem Rheine.

    der vollständige Text

 

Auch ein Künstler von Anonym. In: Blätter für Theater, Musik u. Kunst vom 29. Juli 1870

Zur Häßlein, Hotel Nothanker, schlich
Ein Student, das Bett unter'm Arme
Und seufzte, daß Gott sich erbarme!
Was willst du, mein Sohn mit dem Bette O sprich!
So forschet Cretcentia gar ängstiglich.
"Von ihm mich auf's Schnellste befreien!"
Das wirst oft des Nachts du bereuen

Ich bin, spricht jener, zur Reue bereit,
Und werde mich weiter nicht kränken
Willst du mir vier Thaler jetzt schenken,
So wären drei durstige Seelen erfreut.
Drum, bis es vom Vater der Wechsel befreit,
So lange, du gütige Alte,
Das Bett zum Pfande behalte.

Was liegt mir auch an den Federn zuletzt?
Belebt doch mit freundlichem Scheine
Die Sonne schon Wälder und Haine.
Hier nimm, die schon die Uhr mir versetzt,
Ich decke mich mit dem Schlafrock zuletzt
Und rufe mit großem Behagen:
Das Glück beruht - im Entsagen!

Da lächelt die Häßlein mit arger List,
Und äußert ohn all Widerstreben:
Vier Thaler will ich dir geben
Behalte sie bis zu jener Frist,
Wo dir der Wechsel gesendet ist
Vom Vater aus fernem Lande
Das Bett behalt' ich zum Pfande.

Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp
Geht es in sausendem Galopp
Hin zu den heiligen Räumen,
Wo hoch die Gläser schäumen.

Da schlürfen sie ohn' Unterlaß
Vom edle Nasse Glas auf Glas,
Bis nach wenig Stunden
Der letzte Thaler verschwunden.

Geduld, Geduld, wenn's Stroh auch sticht,
Mit Gott im Himmel hadre nicht
Des Bettes bist du ledig
Gott sei dem Schlafsack gnädig.

    das Original

 

 

Eugenia. In: Der Zeitgeist, Wien 10. September 1870

Eugenia fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen,
"Bist untreu Ludwig oder todt",
"Wie lange willst du säumen?"
Er war ja mit Mac Mahon's Macht
Gezogen in die blut'ge Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben,
Ob er gesund geblieben.

Da spricht des Telegraphen Draht
Zum Trost des armen Weibes,
Daß Louis wohl noch das Leben hat,
Der Seele, wie des Leibes,
Er ist, ach! Eugenia,
Wohl krank, doch noch am Leben,
Er hat sich salva venia
Erst neulich übergeben.
 

 

 

Fantaisies Satiriques von Albert Wolff in Le Figaro, 17 mai 1870 (Digitalisiert von BNF)

Vous que le Rhin vit éclore,
Je vous offre ici, mon cher,
Ce pastiche de Lénore,
La ballade de Burger!

   Der vollständige Text       (Erläuterung)
 

 

De Dame République in Le Tribun du peuple, 6 novembre 1870

La piéce suivante, assez piétre copie de la
ballade bien connue de Bürger, a été trouvée
avant-hier sur un prisonnier prussien amené
au fort de l'Est.

   Der vollständige Beitrag    (Erläuterung)

 

 

Le Centre gauche, 30 avril 1870

En voyant comme les ministres mènent les affaires, on se rappelle involontairement la ballade de Burger :
  -  Les morts vont vite.
 

 

Correspondenzen. In: Tiroler Volksblatt 3.8.1870

Klausen, 27. Juli. Ein Zuträger des Tiroler Boten, der sich als Korrespondenzzeichen ein Verdienstkreuz (wahrscheinlich die stille Sehnsucht seines bescheidenen Herzens) gewählt, hat in Nr. 163 seine Liebenswürdigkeit an die konservativen Männer von K l a u s e n, vor allem an den Klerus verschwendet, um ihnen den Ausfall der Wahlen zu Ungunsten des Dr. Grebmer heimzuzahlen. Er findet die klerikale Wahlagitation fabelhaft, seine Schilderung der selben ist freilich eine Fabel, der Kreuzritter fuhr wahrscheinlich „ums Morgenroth empor aus schweren Träumen,“ und hat die Spukgeschichten nächtlicher Traumphantasie zu einem wohlbezahlten Botenartikel verarbeitet, in welchem beinahe so viel Lügen als Sätze vorkommen.

 

 

Königliches Hoftheater.Sonnabend, am 19. März. In: Dresdner Nachrichten 21.03.1870

Die Welt wollte eine durchgreifende Poesie mit großen, wahren und freien Interessen. Die Worte in Bürger's Ballade „Leonore": „Laßt ruh'n die Todten!" könnte man auf das „Lorke" der Frau Birch Pfeiffer anwenden, womit das TheaterPublikum fünf Akte hindurch in das Hospital der Rührung geführt wird.

 

 

Wien, 3. Mai. In: Freie Presse Morgenblatt 4.5.1870

Und dennoch, wir leben und wir rühren uns, und wir fühlen noch nicht die geringste Neigung, uns in den Sistirungssarg zu legen, zu dem böhmische und Wiener Czechen, Polen und Slovenen, Dalmatiner und Istrianer, Triestiner und Baron Petrino „sechs Bretter und zwei Brettchen" geliefert haben. Es mag Unrecht, es mag Frevel sein, daß acht Millionen Deutsche nicht ihren Feinden zutiebe sterben wollen; aber sie hängen nun einmal zäh an der süßen Gewohnheit des Daseins, und selbst das „Vaterland", das heute die Conductansager-Miene anlegt, einen Flor um den Hut, eine Citrone in die Hand nimmt und auf den Sargdeckel, unter dem es die Deutschen begraben wähnt, eine Thräne des Mitgefühls tropfen läßt, mild und warm, wie der Sommerregen an unsere Fenster pocht — selbst das „Vaterland" dürfte uns von der sündhaften Begier des Daseins nicht heilen.

 

 

Für den Marienburger Werder. In: Kladderadatsch 18.12.1870

   Geduld! Geduld, wenn's - R a d a u c h b r i c h t!
   Mit der Regierung hadert nicht;
   Bis i h r einst b e s s' r e W e g e kriegt -
   Geduld! damit hat's wohl noch g u t e W e g e!

 

 

Zur Entwaffnungs-Frage. In: Stadtfraubas No.1 1870

   Borussia, geh' Du voran,
   Du hast ja große Stiefel an!
     "Ich sage treu nach Recht und Pflicht:
     Es ginge wohl, aber 'd geht noch nicht!"
    
                 [...]

   Auf, auf, zum ersten kühnen Schritt!
   Die Herr'n vom Dortschritt gehen mit;
     "Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
     Es ginge wohl, aber 's geht doch nicht!"

 

 

nach oben     54 / 06.12.2021

 

1871-1880

Frau Oesterreich fuhr ums Abendroth. In: Beilage zum Tiroler Volksblatt Nro. 93, 22. November 1871

Eine Parodie auf Bürger's Leonore

Frau Oesterreich fuhr ums Abendroth
Empor aus schweren Träumen,
Bist Ausgleich fertig oder todt,
Wie lange willst du säumen?
Er ist gezogen in die Reichskanzlei,
Und mit dem Ausgleich war's vorbei.
Herr Beust ist weg, Andrassy zieht,
Frau Oesterreich nach Pest noch mit.

 

 

Feuilleton in Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 24.1871

Eugénie ist nach Spanien gereist und soll in das Zimmer ihrer Mutter eingetreten sein mit den Worten der Bürgerschen Ballade:
            „O Mutter, Mutter! Hin ist hin,
            Verloren ist verloren!"
Und auf die Frage, ob sie denn nicht an die Rückkehr nach Frankreich glaube, soll sie erwidert haben:
            „O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
            Gott hat an mir nicht wohlgethan!
            Was half, was half mein Beten?
            Nun ist's nicht mehr von nöthen!"

 

 

Wiener Spaziergänge in Die Presse, 16. Juli 1871

Wie manche sanguinisch - cholerische Mehlspeisköchin mochte nicht der Bürger'schen Leonore gleich aus schweren
 Träumen emporfahrend gerufen haben: „Bist untreu, Wilhelm, oder todt?" da auch ihr geliebter Cavallerist, wol
 nicht „in die Prager Schlacht" gezogen, jedoch zur Parade ausgerückt war, „und hatte nicht geschrieben, ob er gesund
 geblieben", während doch der Wilhelm .junior, weder untreu war noch todt, sondern für ihn ganz einfach „die Tragzeit
 der Hose" abgelaufen war, so daß er nicht in der Lage sich befand, bei Leonoren vorzusprechen. Ich frage nun ganz im Ernste, gibt es für einen vaterländischen Balladendichter einen schöneren Stoff, als: der Cavallerist. und sein Pferd? Das poetische Wasser läuft Einem ordentlich im Mund zusamnen, wenn man an all das Unglück unserer Rosse und Reiter denkt!
 

 

 

Großes Kraut- und Rüben-Gedicht. Komische Deklamation. Vorgetragen vom Komiker Karl Porkert, Wien (o. J.)

       Lenore fuhr um's Morgenroth
       Empor aus schweren Träumen:
       "Lebst Wilhelm oder bist Du todt!
       Was soll Dein langes Säumen?"

       Der vollständige Text.

 

 

La Liberté, 6 novembre 1871

Une étymologie ignorée.
Savez-vous quel est l'étymologie de l'expression « prendre le mors aux dents » ?
C'est que les morts vont vite !
       DON SPAVENTO.

 

 

Le Peuple souverain, 5 novembre 1871

LA VIE PARISIENNE
Une étymologie ignorée.
     Savez-vous d'où vient l'expression « Prendre le mors aux dents ?... »
     De ce que les morts vont vite.

 

 

L'Estafette, 21 mai 1871

AU GALOP !
C'est surtout aujourd'hui que mon litre [?] est vrai !
  Au galop ! Au galop ! … hurrah ! Les morts vont vite ! Et nous mettons la légende en action.

 

 

Hurrah, die Todten reiten schnell von Georg Scheuerlin. In: Künstler-Album, Düsseldorf 1871

Es zog heran wie Sand und Meer:
Zuaven, Turkos, Frankreichs Heer,
   Geführt vom Kaiserneffen.
Im Schaffen klein, im Lügen groß,
Wollt' er, ein Rächer Waterloo's,
   In's Herz die Deutschen treffen;
Wohl flog sein Adler hoch und hell: -
Hurrah, die Todten reiten schnell.

      Der vollständigen Text 

 

 

Hurrah! die Todten reiten schnell! von Anonym. In: Der Deutschen Heldenkampf im Jahre 1870/71, Berlin 1871

Jüngst prahlt' er noch vom hohen Pferde:
"Das ganze Weltall blickt auf Euch"
Und heuten schon auf nied'rer Erde,
Geschlagen krumm und windelweich!
Wir haben Euch die Hochmuthstriebe
Und gründlich ausgeklopft das Fell,
Hurrah! das waren deutsche Hiebe!
Hurrah! die Todten reiten schnell.

      Der vollständige Text

 

 

1872. Melbourne punch dec. 28 1871

   MIDNIGHT, musical and splendid !
   And the Old Year's life is ended,
And the New, "born in the purple," babe, yet crowned among us dwells.
   While Creation's welcome swells ;
    Starlight all the heavens pervading
    And the whole world serenading
   Him, at birth, with all its bells.

[...]

   Ere the tightening of the tetber
   Bind THIS YEAR and us together,
Let us pause and well consider -" Whither tend we side by side,
   He who gallops, we who guide !"
    Once we start, like lost LENORE
    Sung in BURGER'S ballad story,
   Fast as ODIN's Hunt, we ride !

 

 

Ungarischer Reichstag. In: Neue Freie Presse 20.11.1871

Die monströse Mißgeburt des Letzteren, welche zwar die Devise „Gewerbefreiheit" an der Stirne trug, hinterher aber diese Freiheit knebelte: durch ein weitausgedehntes Concessions-System, durch die Beibehaltung der Arbeitsbücher, durch den Zwang der Arbeiter und Arbeitgeber zur Bildung von Unterstützungs-, Kranken- und Leichenkassen, sowie endlich durch die den Localbehörden ertheilte Befugniß, zu den Genossenschafts-Versammlungen einen obrigkeitlichen Kommissär zu entsenden, mit dem Rechte, gesetzwidrige Beschlüsse zu sistiren, diese Mißgeburt hat — Gott sei Dank!— nachdem Szkavy, ein auf der Höhe westeuropäischer Bildung stehender Mann, Handelsminister geworden, „die sechs Bretter und zwei Brettchen" erhalten.

 

 

Wiener Crayons. In: Tagespost (Graz) 5.3.1871

An die riesigen Opfer, die Deutschland gebracht, an die Leiden, die der frevelhaft heraufbeschworene Krieg über das deutsche Volk verhängt, an die vielen Verluste denkt Niemand. Wenn die deutschen Heere im Trimphzuge heimkehren in's Vaterland, da wird sich wohl öfter die Scene aus Bürger's „Leonore“ wiederholen:
  „Sie frug den Zug wohl auf wohl ab,
  Sie frug nach allen Namen,-
  Doch keiner war, der Kundschaft gab
  Von allen, die da kamen."--
Und in die Freudenthränen über das Ende des blutigen Krieges wird sich manche Thräne des Leid's, des bitteren Kummers, des tiefsten Schmerzes mischen.

 

 

Großer Sternschnuppenfall. Auf der Pariser Höhe beobachtet seit dem 4. September 1870. In: Kladderadatsch 1871

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Avancements-Listiges und Lustiges. In: Der Zeitgeist, Wien 1872

Andrassy fuhr um's Morgenroth
Empor aus festem Schlafen,
Die "Wiener Zeitung" brachte man
Hierauf sofort dem Grafen.

Die Liste der "Avancements"
Las er, und die der "Orden",
Und freute sich von Herzen, daß
Er "General" geworden.

Und als er schier zu Ende war,
Es ihn sehr amüsirte,
Daß auch Frau Anna Blasinger
Der Kaiser dekorirte.

Er dachte sich: Erhaben ist's,
Dies schöne Recht zu üben
An Allen ohne Unterschied,
Die nur die Menschheit lieben.

Ohn' Unterschied des Standes und
Sogar auch des Geschlechtes,
So daß selbst die "Madame" genießt
Die Wohlthat dieses Rechtes.

 

 

Briefkasten. In: Kladderadatsch, 11.August 1872, S. 7

 T. in C h e m n i t z: Bei dem Vogelschießen zu Limbach hat, laut Programm, das „v e r s t o r b e n e R i c h t e r' s c h e 
M u s i k c h o r“ ein Concert gegeben? Daß die Todten r e i t e n, und zwar s c h n e l l, wissen wir aus Bürgers „Lenore“; daß sie aber auch blasen und trommeln, war uns neu.
 

 

Classiker-Blumenlese des "Floh." In: Der Floh, 11. Februar 1872. S. 2

Dem Subcomité des Verfassungs-Ausschusses.

   "Schläfst, Liebchen, oder wachst Du?!

 

 

Le Figaro, 21 jullet 1872

Les morts vont vite...Voilà onze ans aujourd'hui qu'est mort un des anciens collaborateurs du Figaro, Paul d'Ivoy, dont nos abonnés n'ont sans doute pas oublié l'esprit charmant.
 

 

International Exhibition / The English Pictures. In: The Morning Advertiser, June 17, 1872

A tragedy is ever succeeded by a farce, so we turn to Mr. Storey's “After You,” and, apart from the skill with which he has managed the mass of red in the cloak of one of the Chesterfieldian disputants, admire the underseeming civility of the red-bearded visitant, who seems to himself to say Après vous, Monsieur,” age before honesty.” “Hurrah, die Todten reiten schnell,” fast ride the dead as the ghastly mob troops along gibbering and howling round the black horse and his demon rider, and Lenore is borne through the night “along the land, along the sea;” here we seem to realise that wild ride of Bürger's heroine depicted by Mr. Elmore with all the weird power of Fuseli.
 

 

The Chronicle History of Henry the Fift: […] in The Morning Advertiser, October 25, 1872

At ten minutes to eleven the gallant little band charged – the 17th Lancers, following their motto “Death or glory,” and the 13th Light Dragoons of the 8th and 11th Hussars in the second – and at 25 minutes to 12 there remained on the ground but the dead and dying, a moment of time for an eternity of fame. Die Todten reiten schnell, but not so fast that NOLAN and FITZGIBBON, CARDIGAN and HALKETT shall ever be forgotten, or
    “Crispin Crispian e'er go by,
    From this day to the ending of the world,
    But t h e y in it shall be remembered.”

 

 

Berlin, 30. October. in Hallesches Tageblatt, 1.11.1872

-Der Minister Graf Itzenplitz fühlte sich gestern gedrungen, dem Herrenhause ein schönes Loblied zu singen. Herr v. Winter, der kecke Oberbürgermeister, hatte den warnenden Ruf erschallen lassen, die Majorität möge sich nur ja vergegenwärtigen, daß sie die längste Zeit gelebt habe, wenn sie fortfahre, ein Hemmschuh der freiheitlichen Entwicklung des Volkes zu sein: ‘Die Todten reiten schnell.’
[...]
Trotz dieser zärtlichen Zurede und trotz der Vorstellungen des Ministers des Innern stimmte die Majorität wieder gegen die Regierung und für den Commissionsantrag. Die Todten reiten schnell!

 

 

Kleine Chronik. In: Neue Freie Presse 7.9.1872

[B u m ! B u m ! P i f f ! P a f f ! T r a r a !]
Lenore fuhr ums Morgenroth empor aus schweren Träumen; wahrscheinlich ist zu dieser wenig vorgerückten Tageszeit, wie gestern vor meinem,so auch vor ihrem Fenster eine Militär-Colonne unter den rauschenden Klängen eines mit Trommel und Becken übermäßig capricirten Marsches vorübergezogen; wahrscheinlich hat der einen Korybantenlärm schlagende Bearbeiter der türkischen Trommel auch damals das Meisterstück der Teleologie geleistet, gleichzeitig wüthende Angriffe auf sein und auf das Trommelfell harmloser Schläfer zu machen.

 

 

Zwischenahn. In: Nachrichten für Stadt und Land : Oldenburger Zeitung für Volk und Heimat 20.4.1872

»Graut Liebchen auch vor Todten?" „„Ach nein! . . . doch laß die Todten!"" sagt Bürger in seiner »Leonore«. Es ist wahr, es ist immer gut, wenn man die Todten ruhen läßt. Auf dem hiesigen Kirchhofe scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein. Hier läßt man die Todten in Ermangelung eines Besseren, das heißt weil der Kirchhof zu klein ist, nur 16 Jahre anstatt der gesetzlichen 25 Jahre ruhen.

 

 

(Ballchronik.) In: Neues Fremdenblatt 20.1.1872

Diesen Studien lagen die jungen Herren mit einem Eifer ob, der — eines corpus juris würdig gewesen wäre; die Aufgabe wurde ihnen diesmal freilich leicht gemacht, denn der Frauenemanzipation vorgreifend, hatten sie in den Hör-, Pardon Tanzsaal Kommentatorinen geladen, die ihnen in hilfreichster Weise zur Seite standen. Bis zum frühen Morgen wurde studirt und, als schon die Zeit kam, wo Leonore ums Morgenroth fährt, da war der Fleiß noch so rege, daß man die Artikel, die sich ausnahmsweise in einer sogenannten Tanzordnung befanden, nochmals vom Anfang an durchgehen oder besser durchhüpfen wollte.

 

 

Alte Citate mit zeitgemäßem Comentar in Kikeriki 27. Februar 1873

Die Todten reiten schnell; könnte man sie nicht als Vorspannreiter
bei den Tramwaywaggons engagieren?
 

 

Nothgedrungene Erklärung in Der Floh 12. Januar 1873

 Mit Bezug auf den, trotz der vom „Gaulois" ausgedrückten Hoffnungen, daß Napoleon bald wieder zu Pferde werde steigen
 können, eingetretenen Tod des Kaisers, sehe ich mich veranlaßt, öffentlich zu erklären, daß der von mir gethane Ausspruch:

  "Die Todten reiten schnell" zu diesem Ereignisse in gar keiner Beziehung steht.

   Jenseits, Jänner 1873.
                G. A. Bürger.
                Deutscher Dichter a. D.

 

 

Le Figaro, 21 novembre 1873

Pensée d'un cocher, recueillie par un de nos reporters :
  Prendre le mors aux dents. - On exprime ai si qu'un cheval est lancé à fond de train, parce que les morts vont vite.
       Gaston Vassy

 

 

Feuilleton. Kreuz und Quer. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 30.11.1873

Die letztere Aussicht trug den Sieg davon. Ich machte mich auf den Weg, um zu erfahren, was die armen Aufgelösten in Wirklichkeit verbrochen hatten, ich frug das Ministerium wohl auf und ab, ich frug nach allen Namen, die als die Rädelsführerinnen galten, konnte aber leider sehr wenig erfahren.

 

 

Kleiner Briefkasten. In: Die Gartenlaube No. 29 1873

E. H. in Mainz.
   Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht!
   So lang in Wien man fertig nicht,
   Geht auch mit uns nicht in's Gericht!
Sie werden bereits in einer der nächsten Nummern den Einleitungsartikel einer Reihe von Aufsätzen über die Wiener Weltausstellung mit und ohne Illustrationen finden.

 

 

(Clericale Lügen.) In: Bozner Zeitung 17.7.1873

“Jede Unschuld von zwanzig Jahren im ganzen Sarnthale machte sich nun die boshafte Vorstellung, als hätte die Pfarrersköchin, wie ihre Ahnfrau von Paradieseszeiten, in den Apfel gebissen. Als dann die Langvermißte endlich doch wieder kam und das Gerede immer nicht aufhörte, stieg der gerechte Zorn in das milde Herz Seiner Hochwürden, rasch sattelte er sein Dänenroß und rennt dem Landgerichte zu. ‘daß Roß und Reiter schnoben.’

 

 

Heinrich Peun: Was sich die Stadt erzählt. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, 18. Oktober 1874

Jedenfalls wird diese Heirat anderer Art sein, wie jene des Herrn K o h a u n mit seiner jungfräulichen Gemalin 
E l e o n o r e, von der wir dieser Tage berichteten. Es wird dort eben eine schlicht bürgerliche - aber glückliche Ehe geben, während es hier heißt:

 L e n o r e fuhr um's Morgenroth
 Empor aus schweren Träumen.
 Bist K o h a u n immer noch nicht todt,
 Was soll Dein langes Säumen?
 Auf z w a n z i g t a u s e n d Gulden,
 Muß ich so lang gedulden?
 

 

Stimme aus der Unterwelt. In: Figaro, 21. November 1874

 Ich verstehe nicht, was man aus dem Distanzritt dieses österreichischen Lieutenants Z u b o v i t s für ein unnöthiges Aufhebens macht. Ich habe doch bereits im Jahre 1763 zu Pferd eine Strecke von hundert Meilen in kaum einer Stunde zurückgelegt. Wer's nicht glaubt, wolle gefälligst das Nähere in Bürger's: „L e n o r e" nachlesen.

                                  Wilhelm,
                        königlich preußischer Lieutnant a. D.

 

 

Kriminalgeschichten in Illustrirtes Wiener Extrablatt 10. Juni 1874

Eine sichere Eleonore K a m p a ß, übernahm, von der Raffelsberger einen auf 200 fl. lautenden Wechsel, um darauf Geld zu beschaffen. Ein Biederer, Namens D e i n i n g e r, gab darauf 150 fl, Eleonore fuhr ums Morgenroth zur Raddelsberger, brachte ihr hievon 120 fl. und sackte außer den schon früher eingesackten 30 fl. noch 20 fl. ein, als „Honorar“ nämlich, so daß die Raffelsberger für ihr Akzept von 200 fl. summa summarum 100 fl. erhielt !!

 

 

Klagen einer hiesigen Hausfrau. In: Tetschner Anzeiger 28..2.1874

Einige Tage darauf – begegnest du ihr zwar nicht mit der Butte auf dem Rücken, – das fehlte noch, aber du erfährst aus sicherster Quelle, daß das kranke Dienstmädchen in einem anderen Orte einen Dienst angenommen habe.Das ist doch Schlaumaierei! Aber: Da Lenore schon längst nicht mehr ums Morgenroth fuhr, – hatte schon die Nacht die Böse gräßlich geweckt, denn das Auge des Gesetzes wacht.

 

 

Locales. Carneval 1874. In: Tetschner Anzeiger 7.1.1874

Hinaus in die wogende Menge der tanzlustigen Welt werden die Ball- und Kränzchen-Antheilscheine zu mäßigem Kurse geworfen. Der zärtliche Familienvater, dem blühen sechs liebliche Töchter, welche schon öfter mit Lenore ums Morgenroth gefahren, erwartet das Unvermeidliche; denn nicht sicher ist er auf Weg und Steg, in seines Gehäuses tiefinnersten Winkel – überall taucht ein Dienstmann, ein Unbekannter mit Bogen und Briefgroßcouvert auf, und – überreicht ein Schriftstück, auf dem so manchmal der Bleistiftzug und die Federführung die Gefühle des Zeichnenden verrathen.

 

 

Musik. Der erste Act von R. Wagners "Walküre". In: Wiener Zeitung 12.2.1874

Die ungeheuerlich­barocken Phrasen und Wendungen des Worttextes, die wunderliche Alterthümelei der Sprache, das beim bloßen Lesen der Dichtung am Ende, ich weiß nicht, soll ich sagen: lächerlich oder unausstehlich werdende Geklapper der „Stabreime", oder dessen, was Wagner uns für „Stabreime" aufbinden will — Brünhildens kannibalisches „Hojothoho!" und ähnliche Jnterjectionen, gegen welche Bürgers weiland von Schiller als roh getadeltes „Hurre, hurre, Hop, Hop, Hop" völlig zahm aussieht— Alles wird durch die Musik nicht nur erträglich, sondern, man darf sagen: klingend und erhält Bedeutung, [...]

 

 

Rosenthal, Louis. Bilder aus Peru. In: Das Ausland : Wochenschrift für Erd- und Völkerkunde. 11.1874

So mochte aber der arme Teufel da drinnen nicht denken, der, auf einmal erwachend, sich zwischen "sechs Bretter und zwei Brettchen" eingeklemmt fand. Wie der Blitz wurde ihm die Erinnerung an das Vorgefallene und das Bewußtsein seiner jeztzigen furchtbaren Lage klar.


Vermischtes . In: Hallesches Tageblatt 8.7.1874

Mit dem soliden Eichensarge ausgerüstet und mit traurigen Mienen zogen denn zwei seiner Freunde gen Langensalza, um dem Todtgeglaubten die letzte Ehre zu erweisen. Aber dort angekommen,fanden sie Richter zwar verwundet im Lazareth, aber doch vollständig munter genug, um sich über die ihm vorzeitig zugedachte Behausung von sechs Brettern und sechs Brettchen von Herzen zu amüssiren.

 

 

Schauderöse Abenteuer eines Coupons,
oder: Die Schneeverwehung des Unionbank-Directors Minkus
in Der Floh, 3. Jaener 1875

Herr Minkus fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen.
"Bist untreu Ghyczny oder futsch?.
Wie lange willst Du säumen?
Was kriegen wir von Ostbahn noch
Zu stopfen dieses große Loch,
Das uns vom Krach geblieben?
Du hast mir nichts geschrieben."

    der vollständige Text

 

 

Das Nonplusultra in Welt-Neuigkeits-Blatt, Wien 15. Dezember 1875

Das Nonplusultra der Schriftstellerei mit Dampf leistet jetzt eben der Pariser Journalist George Duval. Demselben wurde nämlich, unmittelbar nachdem Virginie Dejazet die Augen geschlossen hatte, von einem Verleger der Antrag gemacht, binnen zehn Tagen ein Buch über die Künstlerin zu verfertigen und Hr. Duval hat diesen Antrag angenommen. Die Todten reiten schnelle, noch schneller aber die Nekrologisten!
 

 

Der Vierte. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, 19. März 1875. S. 2

 Nachdem Giovanelli, Divauli und Graf ihre Reichsrathsmandate niedergelegt haben, ist nun auch Dr. R a p p diesem Beispiele gefolgt. Die Demonstration der Tiroler Schwarzen dürfte indeß in ihrem glaubensstarken Heimatslande schwerlich günstig beurtheilt werden. Es tagt allgemach selbst zwischen den Tiroler Bergen und es werden Stimmen laut, die uns lebhaft an die Worte des todten Reiters mahnen: "Rapp', Rapp', ich wittre Morgenluft! Rapp, tummle Dich von hinnen!"

 

 

An den Gräbern in Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 1. November 1875

Ist aber das Leben traurig, so bleibt uns Nichts übrig, als über die Todten zu lachen. Denen schadet's Nichts und uns stimmt es heiterer. Ich bin überzeugt, es ist der Herzogin Parisina von Este ganz gleichgiltig, ob wir an ihrem Grabe Trauergesänge ertönen lassen oder Freudenlieder anstimmen. Mutter, Mutter, hin ist hin, verloren ist verloren, die Elementarversicherungsbank
will auch kein Auferstehungsfest und die Türkenlose kümmern sich den Teufel darum, ob man sie den Engelsschaaren empfiehlt oder nicht.

 

 

Le Gaulois, 17 janvier 1875

Les morts vont vite dans le monde des théâtres !
Nous avons encore à enregistrer aujourd'hui le décès d'une pauvre jeune fille, artiste du Gymnase, Mlle Juliette Prioleau, qui vient de succomber à peine âgée de vingt ans.

 

 

Original-Korrespondenzen. In: Kärntner-Blatt 18.11.1875

Klagenfurt. (Graut Liebchen auch schon ––?)
(Nach Bürger's „Leonore“) Als im Frühlinge d. J. bei Gelegenheit der Gemeinderathswahlen von Seite der Sparpartei warnende Worte gegen die unverantwortliche Mißwirthschaft, welche immer größere Dimensionen anzunehmen droht, fielen, als ihre Sprecher, frei von jedem Sonderinteresse, nur auf das allseitige Wohl der Gemeinde bedacht, den Abgrund zeigten, in welchen diese Mißwirthschaft unausweichlich führen müsse – war das ein Geschimpfe und Toben, nicht anders, als hätten wir etwa einen Vorschlag zur Zerstörung von Klagenfurt gemacht!

 

 

"So kann's nicht bleiben." In: Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe) 24.1.187
“Baron Scharschmidt bekämpft die Anschauungen des Abgeordneten Wickhoff. Er bedauert es, daß aus der Mitte der Verfassungspartei, sich Klagen gegen das Abgeordnetenhaus und die Regierung erheben, weil beide Faktoren der Krise rath- und thatlos gegenüber ständen. Abgeordneter Wolfrum hält eine lange Rede gegen die Vermehrung der Staatquoten. Der Inhalt seiner Rede ist: ‘Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht, mit Gott im Himmel had're nicht.’“

 

 

L'Éclaireur de l'arrondissement de Coulommiers, 2 septembre 1876

Un nouveau Sultan.
Se les morts vont vite, les sultans ne vont pas lentement, dit le Rappel.
  Une dépêche de Constantinople, reçue dans la soirée d'avant-hier, annonce que dans un conseil auquel ont pris part les grands dignitaires de l'empire, Mouras V a été déclaré déchu, et Abdul-Hamid proclamé sultan à sa place.

 

 

Le Bien public, 24 juin 1876

  Les feuilles mortes vont vite !
  Un journal bonapartiste de Lyon, l'Indépendant du Rhône, annonce mélancoliquement qu'il cesse de paraître.

 

 

Land und Leute in den "unteren" Donaugegenden. In: Krumauer Zeitung 6.7.1876

Damen nennt man in den vereinigten Fürstenthümern sämmtliche Mitglieder schönen Geschlechtes, alle Leonoren, die um die Treue ihres eigenen oder fremden Wilhelm besorgt sind, die zwar selten ums Morgenroth ausfahren, aber zu keiner Zeit einen Wilhelm ungern sehen, alle Holden, deren Lebensberuf darin besteht, dem Gegenstande ihrer Zuneigung das Leben recht theuer zu machen. Hieher gehören in den Fürstenthümern alle Frauen und Mädchen ohne Unterschied des Ranges und der Gesellschaftsclassen.

 

 

Schröder, Wilhelm. Dat's mien Popp. In: Illustrirte Zeitung 23.12.1876

De groote Tied nööm ünnerdeß ehren Foortgang nah Gottes Rathsluß, un as nu endlick Paris sülwst harr kapituleeren müßd, da duure et denn ook nich lange mehr, un de Freudensbotschaft drööp in, de Freden wöör afflaten un alle dütsche Soldaten, de noch irgendwo in Gefangenschaft holen wöören in Frankriek, kömen nu bald in't Vaderland, in ehr Heimat torügge. Wat för Hapnungen wörden da up't Nee wach in so veele Harten, de in Ungewißheit un Angst bither truurt harren. Mänge Moder kunn ehren Sähn, mänge Bruut ehren Troolewsten, den se all as verlaaren betruurt, balde drup weder an ehr Hart drücken. Doch in Dorp Buckholt bleew dat eene Hart, wat üm den eenen „Vermißten“ truure, ahne Trost un Hapnung.
   „Sie ging den Zug wol auf und ab,
   Sie frug nach allen Namen,
   Doch keiner war, der Kunde gab,
   Von allen, die da kamen,“
wie et in Börger sien Leed van Lenore heet.

 

 

Wieder eine Muster=Reclame. In: Sauerländischer Anzeiger ; [...] ; Amtliches Kreisblatt für die Kreise Brilon und Büren, 28.12.1876

Lenore!

1. Lenore fuhr ums Morgenroth
  Empor aus ihren Träumen:
  Wo ist mein Hut mein Paletot?
  Nicht länger darf ich säumen:
  Das Weihnachtsfest es rückt heran,
  Ich muß doch dem Geliebten dann
  Ein Angebinde reichen,
  Als meiner Liebe Zeichen!
2. Sie nahm die„Vossische“ zur Hand,
  Fing eilig an zu blättern;
  Da, auf der dritten Seite stand
  Mit großen schwarzen Lettern:
  Zum Weihnachts=Ausverkaufe stehn
  Jetzt in der goldenen Hundertzehn
  Zu fest taxirten Preisen
  Aus Stoffen wie von Eisen:
      6000 Schlafröcke usw.

 

 

Anzeige in Dresdner Nachrichten, 10.12.1876

lenore_dresden_1876

   Lenore!

    Lenore fuhr ums Morgenrotb
    Empor aus düstern Träumen:
    Wo ist mein Hut und Paletot?
    Nicht länger darf ich säumen!
    Das Weihnachtsfest, es rückt heran,
    Ich muß doch dem Geliebten dann
    Ein Angebinde reichen,
    Als meiner Liebe Zeichen!

    Sie nahm die Nachrichten zur Hand,
    Fing eilig an zu blättern;
    Da, auf der sechsten Seite stand,
    Mit großen schwarzen Lettern:
    Zum Weihnachts-Ausverkaufe stehn,
    Wie es bis jetzt noch nie geschehn,
    Zu so spottbilligen Preisen,
    Aus Stoffen wie von Eisen,
    [...]
    in L. Rudolph's Deutschem Herren-Garderoben-Bazar
    [...]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leipziger Tageblatt und Anzeiger : Amtsblatt des Königlichen Amts- und Landgerichtes Leipzig und des Rathes und Polizeiamtes der Stadt Leipzig 13.10.1876

"Herrn Wilhelm Liebknecht, Redacteur des Vorwärts, Leipzig.
  Der canis und die Vorwärtsin
  Des langen Haders müde
  Erweichten ihren harten Sinn
  Und machten endlich Friede:
singt Bürger und läßt seine 'verbohrte' Elnore mit ihrem Wilhelm hurre hurre hop hop hop zum Teufel reiten.
Hochmögender Herr des 'gepritschten' Vorwärts und des vielgebissenen Volksstaat, Sie erlauben doch gütigst einem armen, 'hochgradig Verbohrten'*) ein paar simpele Fragen zum Schluß der seltsamstiligen Correspondenz?
 Heißen Sie nicht auch Wilhelm? Haben Sie nicht ein intimes Verhältniß mit der 'zorn'gen Dirne'**), der blutarmen und brennrothen Elnore Commune? Besitzen Sie denn gar keine Lust oder verteufelt keine Schneide selbander mit der tollen Maid im saußenden Galopp — hinter sich diverses Schreibergesindel — dem Bürger'schen Liebespaar nachzujagen?
   Ihr beiß-fehde- und siegmüder
   can. fam. vulgo Pritscher.
*) Vorwärts-Briefkasten Nr. 5.
**) Leipziger Tageblatt, vierte Beilage Nr. 180."

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Clichés Parisiens von Georges Petit in L'Éclipse, 11 février 1877

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               Erläuterung

 

 

Ein Verkannter. In: Leitmeritzer Zeitung 6.6.1877

Mancher ahnt gewiß nicht, welche wunderbare, Kneipzangen ähnliche Figur sein Leichnam dort auf dem Pferde bildet. Noch köstlicher aber erscheinen die nicht sattelfesten Europäer auf den Alexandriner Eseln, — denn diese schleichen nicht so langsam, wie die frommen Pferde der „Sächser", sondern
   „Hurre, hurre, hopp hopp hopp,
   Geht's fort im sausenden Galopp."
Da ist es denn kein Wunder, wenn der arme Ritter in seltsames Schwanken gerät und um Gottes willen halt! halt! ruft.

 

 

Die Fliegenkirmes zu Spellen von Moritz Schmitz. In: Die Heimath, Crefeld. 4. November 1877

[...]
Und weil, - was fuhr ums Morgenroth
Empor aus süßen Träumen,
Ereilt von großen "Fliegentod" -
So hinstarb ohne Säumen;
Und weil auch noch, - von weit und breit
In langen, langen Zügen,
Wohl jedes Jahr um diese Zeit
Zieh'n fort von uns die Fliegen;
[...]
        das vollständige Gedicht
 

 

Nürnberger Presse, 10. Februar 1877

Ein Gedicht aus Fürth eingesandt, beginnend:
    "E v o r a fuhr ums Morgenroth
    Empor aus schweren Träumen:
    Bist untreu H o f m a n n oder todt,
    Wie lange willst du säumen."
und jeder Vers mit dem Refrain:
     "O Göker hol dein Flinterling,
     Johann Baptis Kiderlin"
schließend, kann aus erklärlichen Gründen keine Aufnahme finden
und ersuchen wir den verehrlichen Herrn Einsender, den in Postmarken
eingesandten Insertionsbetrag gefälligst bei uns wieder in Empfang nehmen zu wollen.
Nürnberg, den 9. Februar 1877.

 

Sozialpolitische Uebersicht. In: Vorwärts <Leipzig> : Centralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands 2.5.1877

Er habe vielleicht Krieg gesprochen, aber er habe Frieden gemeint; der Abgeordnete Lasker habe ihn besser verstanden, als er (der große Schweiger) sich ausgedrückt. Und damit setzte der große Schweiger sich hin, unter Zeichen des Erstaunens ob solch tiefsinniger Weisheit und sehr vereinzelten Bravos.
   Valentin schneidet weitere Debatten ab. Und jetzt Hurre, hurre, hopp, hopp,hopp über einen Budgetposten nach dem anderen; in sausendem Galopp stürmt die Majorität vorwärts. Kein Hinderniß giebt's.

 

 

Allerseelentags-Gedanken. In: St. Pöltner Bote 31.10.1877

Wenn es in unserer Macht gelegen wäre, wir würden jene Mächtigen der Erde, welche Krieg und Frieden in der Toga verborgen halten, am Allerseelentage hinaus auf die Friedhöfe führen, wir würden jene, welche nie genug haben und immer ländergierig oder erpicht auf des Krieges unsinnigen Ruhm den Knoten der politischen Verwirrung schürzen, zu den Gräbern geleiten und dort sagen: Sehet, das ist Alles, was ihr einst von der Erde mit euch nehmen werdet. Sechs Bretter und zwei Brettchen haben Raum für die größten Eroberer aller Zeiten gehabt, und werden es auch für euch haben.

 

 

Volkswirthschaftlicher Theil [Vom Viktualienmarkt.] In: Nürnberger Presse 16.12.1877

“Zudem sind die altgewohnten Pfade, die Ihren Marktreporter zu Eier-, Geflügel- und Gemüsehändlern führten, durch die, Leute gesetzten Alters sehr antiquirt vorkommenden Christmarktsbuden versperrt, ich wandle ungewohnte Wege und es geht mir, komme ich in die zerstreuten Bivouacs der Gemüseweiber, rings um die Sebalder Kirche, wie Bürger's herzgeängstigter Leonore:
   Sie frug' den Zug wohl auf und ab,
   Und frug' nach allen Namen.
wo finde ich meine Groß- und Kleinreutherinnen, meine [...].”

 

 

Erzgebirgischer Volksfreund 29.09.1877

Erzgebirgischer Volksfreund 29 09 1877

Man beachte den Bearbeiter Friedrich Schiller!

 

 

Der Kongreß. Sehr frei nach B ü r g e r. In: Figaro, 9. Februar 1878

Andrassy fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
"Bist untreu, Gortschakoff - bist todt?
Wie lange willst Du säumen?"
Er war mit hoffnungsvollem Blick
Hinabgeeilt nach Kazanlik
Und hatte nicht geschrieben,
Was er allda getrieben. -

     der vollständige Text

 

 

Lenorens Glück! In: Norddeutsche allgemeine Zeitung 19.12.1878

lenorens_glueck_1878

   Lenore fuhr um's Morgenroth 
  Empor aus düstern Träumen,
  Aß schnell ein weißes Dreierbrot
  Und lief dann ohne Säumen
  Durch da« belagerte Berlin,
  Stand still vor jedem Magazin,
  Bis sie 'ne Weihnachtsgabe
  Für ihren Wilhelm habe!

               

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dritter Akt. Dritter Auftritt In: Aus Göthes lustigen Tagen: Original-Lustspiel in 4 Akten von Elise Henle Stuttgart 1878

“Amalie.
  (nimmt ein Buch vom Tische, darin blätternd)
Das soll er auch, doch will ich sorglich wählen,
Zum Ernste wird ihn dann der Ernst schon zwingen.
Da lest, doch Göthe, hütet Euch vor Schwänken.
  (gibt Thusnelde das aufgeschlagene Buch, das Erste dagegen nehmend)

Göthe.
Wie könnt Ihr, Durchlaucht, anders von mir denken?
Sieh sieh, des Bürgers Leonore.

Alle.
Ah!

Göthe.
  (liest mit Ausdruck, alle hören gespannt zu)
Leonore fuhr um's Morgenroth,
Empor aus düstern Träumen,
Bist untreu, Wilhelm, oder todt,
Wie lange willst Du säumen?
Er war mit König Friedrichs Macht,
Gezogen in die Prager Schlacht,
Und hatte nicht geschrieben,
Ob er getreu geblieben.
  (mit gleichem Ernste lesend, während sich die andern betroffen ansehen)
Der Herzog und die Herzogin
Des langen Haders müde,
Erweichten ihren harten Sinn
Und machten endlich Friede,
Denn jeder sah ganz sonnenklar,
Daß jeder schon gefehlet,
Er, weil er oft nicht höflich war,
Sie, weil sie ihn gequälet.
  (Merk rückt unruhig auf seinem Stuhl, die Andern lachen leise. Göthe liest ruhig weiter)
Und überall, allüberall,
In Tiefurth, Belvedere,
Gibt's Schlittenfahrt und Maskenball
Dem hohen Paar zur Ehre.
Der Wieland kömmt als Oberon
Mit Stock und mit Perrücke,
Und Darmstadt's Apotheker-Sohn
Erscheint als gift'ge Mücke.
   (Merk will aufspringen. Bertuch drückt ihn lachend auf den Stuhl nieder. Göthe liest ruhig weiter)
Er fragt den Göthe Wort für Wort
Nach seinem Thun und Treiben
Und summt und brummt in einem fort,
Wie's halt die Mücken treiben.
Und als er hört die Mähr, o Graus,
Daß Göthe Maler werde,
Da reißt er sich die Flügel aus,
Mit wüthiger Geberde.

Amalie
  (die Thränen trocknend, unter Lachen)
Genug, genug Ihr seht ja, ich ersticke.

Carl August (ebenso).
Ihr habt ihn doch zum Ernst gezwungen, Mutter.

Göthe (liest ruhig weiter).
O Heinrich, Heinrich, bester Freund,
Verloren ist verloren,
Es ist nicht jeder, was er scheint,
Drum laß mich ungeschoren.
  (Schallendes Gelächter. Göthe aufstehend, schlägt Merk mit dem Buch auf die Schulter)”

 

 

Wettrennen-Epilog in Die Bombe, 22. Juni 1879

- Schade, daß die Pferde-Wettrennen zu Ende gehen, bevor die eigentliche m o r t e saison beginnt.
- Warum denn?
- Wenn sich die "morte saison" am P f e r d e-W e t t r e n n e n betheiligen würde, möchte sie
            gewiß den ersten Preis gewinnen.
- Aus welchem Grunde denn?
- Weil es ja heißt: "Die T o d t e n  r e i t e n schnelle."

 

 

Treue Liebe! in Berliner Tageblatt 19. Oktober 1879

berliner tageblatt 19 october 1879 s13


   Lenore fuhr um's Morgenroth
   Empor aus ihrem Bette,
   Ihr Wilhelm war in großer Noth,
   Ihm fehlte ein Jaquette; .......

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In aller Eile! In:Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 21.9.1879

erbleichen_1879


    Graus war die Nacht und um den Giebel
   Der Miethskaserne heult der Sturm,
   Da zog Georg sich an die Stiebel
   Und sieben schlug's vom Spittel-Thurm!
    Ach, rief Lenore mit Erbleichen,
   Schon sieben, und Du willst noch weg?
   Georg, bleib' hier, laß Dich erweichen,
   Mir ahnt, Du hast noch heute Pech!
    Nein, rief er, ich muß eilig laufen,
   Um mir was Warmes zu erstehn,
   Es könnt' leicht Alles ausverkaufen
   Noch heut die gold'ne Hundertzehn:
   5000 Herbst- und Winter-Paletots
[...]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tanzlocale in der Peripherie von Berlin. In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe 14.4.1878

Die Musik geht vom Walzer in den Galopp über, die Musiker gönnen sich eine kleine Pause; sie, feuerroth, benutzt diese, um sich die perlenden Schweißtropfen von der Stirn zu trocknen, und dann folgt sie willenlos dem magischen Bann des blendend weißen Uniformrocks; fort wird gerast, daß Kies und Funken stoben.

 

 

Der Sturz Mac Mahons. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 31.1.1879

Man wartet im heutigen Frankreich weder das Ende der Lebenszeit, noch selbst das der gesetzlich festgestellten Amtsdauer ab, um dem gewählten Oberhaupte einen Nachfolger zu geben. So ist denn auch Marschall Mac Mahon von der Präsidentschaft der Republik zurückgetreten, wie es im Mai 1873 Thiers gethan, noch ehe die Frist, welche ihm durch das Septennat gesetzt worden war, abgelaufen. Nicht nur die Todten reiten schnell, wie es in der Bürger'schen Ballade heißt, in Frankreich thuen es auch die „glorreich Besiegten."

 

 

II. Beilage der Berliner Börsen-Zeitung 9.3.1879

[Apotheker Maynud gegen die Ostbahngesellschaft]
Der Sarg wurde Abends in Paris auf dem Ostbahnhofe aufgegeben und sollte des Morgens nach 7 Uhr an dem Bestimmnngsorte eintreffen, wo eben die Clerisei, die Verwandten und Freunde warteten, um der Todten das letzte Geleite zu geben. Der Zug traf richtig ein, unter seinen Gepäckstücken aber befand sich nicht der Sarg. Wo blieb also die Leiche? Man telegraphirte nach PariS, von dort nach allen Bahnhöfen mit der Frage nach dem Sarge. „Die Todten reiten schnell", wie es in dem Liede heißt; diesmal reiste ein Sarg schnell, doch in falscher Richtung. Schließlich wurde man des Flüchtlings in Epernay habhaft, wohin man wahrscheinlich den Sarg unter der falschen Signatur einer Champagnerkiste verladen hatte.

 

 

Schücking, Levin. Sklaven des Herzens. In: Karlsruher Zeitung 17.5.1879

 Es war ja furchtbar, daß sich so rasch, wie ein Paar Würfel geworfen werden, ein Menschenschicksal entscheiden, ein Lebensglück verlieren lassen sollte !
„O mein Gott!" stöhnte er aus tiefster Brust — „das erleben zu müssen! Wahrhaftig, die Todten reiten schnell!"
Die Todten reiten schnell. Und Weiberherzen sind schnell gewandelt!

 

 

Locales und Vermischtes. In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe 23.7.1879

- Die Todten reiten schnell — auch auf die Bühne! Der arme Prinz LouiS Napoleon! Kaum hat er sein Leben unter dem Grinsen einiger Wilden in Afrika aufgegeben, so wird er von einem unternehmenden Französischen „Dramatiker" flugS auf die Bühne geschleppt, um dort nach allen Regeln der Kunst nochmals abgeschlachtet zu werden. Felician Renard heißt der „Dichter", der die Thaten des unglücklichen Lulu in einem historischen Gemälde „Prinz LouiS Napoleon's Leben und Ende" zusammengefaßt hat

 

 

Theater und Musik. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 16.12.1879

Auch im Hennetheater hat es keinen sonderlich warmen Beifall gefunden, obwohl es in den Hauptrollen von Herrn Direktor Henne, Herrn Wilhelm Fliegner (als Gast) und Fräulein Bünde recht flott und verständnißvoll gespielt wurde. Die Komödien der Charakterverkleidungen sind eben überlebt und "die Todten reiten schnell", wie Laube selbst sein jüngstes Feuilleton überschrieben hat.

 

 

Gottschall, Rud. von. Das goldene Kalb. In: Norddeutsche allgemeine Zeitung, Morgen-Ausgabe 15.5.1879

Auf Wiedersehen also! Laß Deine Lenore allein den Gespensterritt machen und fahre Du selbst ums Morgenroth empor aus schönen Träumen, um ihnen nie wieder zu verfallen.
    Dein Sintenis.

 

 

Zur Beruhigung. Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 33.1880, Seite: 19

Angesichts der heftigen Reclame, welche für die in Rom so eben auftauchende "Aurora", das neu erschienene Organ des Vaticans, jetzt überall gemacht wird, halte ich es nicht für überflüssig zu erklären, daß es d i e s e s "Morgenroth" nicht war, um welches ich empor aus schweren Träumen fuhr. Im Gegentheil!

      Bürgers Lenore.

 

 

Die Liebe im Irrenhause in Leitmeritzer Zeitung 12. Mai 1880

Die Pazientin bemerkte die Annäherung der beiden Aerzte nicht. Sie blickte vor sich zur Erde und sang mit schwacher aber sicherer Stimme einzelne Verse aus Bürgers Leonore. Sie wußte den Ausdruck leidenschaftlicher Sehnsucht in die Worte zu legen: „Bist untreu, Wilhelm, oder todt? „Wie lange willst Du säumen?" Die Krankengeschichte des Mädchens, nach welcher der junge Arzt fragte, war eine sehr kurze. Vor etwa sechs Monaten war es in seinem elterlichen Hause von einem heftigen Typhus befallen worden, schwebte während einiger Wochen zwischen Leben und Tod, überwand endlich die Krankheit, und die
Rekonvaleszeuz nahm ihren regelrechten Verlauf. Aber die Pazientin blieb seitdem in einem Traumleben befangen, aus welchem kein äußerer Einfluß sie erwecken kann. Die wirkliche Welt existiert nicht für sie. Sie wartet Tag für Tag als Leonore auf ihren Wilhelm, der aus dem Kriege heimkehren soll, und schmückt sich für ihn. Dabei waren weder Liebesgram, noch auch der Tod des Geliebten oder Verlobten die Ursache der ersten Krankheit.
   Die Kranke wird dem jungen Arzte zur Behandlung zugewiesen und er soll sie auf elektro-therapeutischem Wege behandeln. Und nun beginnt unser Roman. Der hoffnungsvolle Jünger Aeskulaps verliebt sich nach allen Regeln der Kunst in seine bleiche Pazientin und sie stürzt sich, als er eines Tages den gewöhnlichen Krankenbesuch bei ihr macht, mit dem Rufe: „Wilhelm! Wilhelm!" in seine Arme, und drückt — sich immer noch als Leonore wähnend — einen heißen Kuß auf seine Lippen. Rasch eilt nun das junge Mädchen der Gesundung entgegen. Schon nach wenigen Monaten wird es von seiner Mutter abgeholt, um
 die volle Genesung im väterlichen Hause zu beschleunigen. Die Heilmethode des jungen Arztes soll durch die Verlobung mit seiner reizenden Schutzbefohlenen gekrönt werden. Und eines morgens — ist sie vollständig genesen, so vollständig, daß sie sich nicht einmal mehr ihres „Wilhelm" erinnert und auch nichts davon weiß, daß er ihr Arzt gewesen ist. Die Erinnerung an ihre Krankheit ist ausgelöscht und der junge Heilkünstler, für den sie in verzückt schwärmerischer Weise geschwärmt hat, ist ihr
 ein wildfremder Mensch, von dem sie nichts wissen will.
    Die Sache wird jetzt tragikomisch: der junge Arzt nimmt sich nämlich sein Liebesleid so zu Herzen, daß er selbst irrsinnig wird . Das kaum genesene Fräulein bekommt einen Rückfall, und nun sind beide Insassen des freundlichen Hauses, vor dessen Pforten sein Herz an den Haken zu hängen, der unvorsichtige „Wilhelm" leider unterlassen hat. Aber beider Fall ist nicht un ­
 heilbar, und der menschenfreundliche Direktor hofft noch immer, daß aus beiden noch ein Paar wird, und „Eros im Irrenhause" mit einem befriedigenden hausbackenen Schlüsse enden wird.
 

 

Spirit Rapping von L. M. Bonn, A leaf out of my life facts and fiction. In: The Taunton Courier, September 1, 1880

“What was your wife's Christian name, Mr. B-r-y?”
“Leonora fuhr um's Morgenroth.” answered my friend.
“That is a very hard name to pronounce; I suppose it's Hungarian. Can you not abbreviate it, somewhat?”
“Say Leonora Morgenroth.”

      Der vollständige Text 

 

 

A. E. Die Düsseldorfer Ausstellung von 1880. In: Düsseldorfer Sonntagsblatt : Beilage zum Düsseldorfer Tageblatt 22.8.1880

Dis Särge sind sehr schön gearbeitet, einer von ihnen hat sogar Spiegelglas im Deckel, um hineinzuschauen, und drinnen liegen weiße Atlaskissen, um die Leiche weich darauf zu betten . . . für reiche Leute, die auch noch im Grabe etwas vor den anderen Menschen voraus haben müssen. Das beste Ruhekissen ist nach dem Sprichwort ein gut Gewissen, und dann schläft es sich auf Hobelspänen („sechs Bretter und zwei Brettchen") ebenso sanft wie auf Atlas und unter Spiegelglas.

 

 

I. Beilage der "Berliner Börsen-Zeitung 3.1.1880

Wir lesen in der „Presse" über das Wiener Stadttheater: Die Todten reiten schnell. Sonntag beschlossen die Actionaire des Stadttheaters die Statuten-Aenderung, und vierundzwanzig Stunden später wurde der Concurs (nomen et omen) ausgeschrieben. Vorläufig nur der Concurs für einen Director oder Pächter.

 

 

Frankreich. In: Durlacher Wochenblatt : Tageblatt 24.1.1880

— „Die Todten reiten schnell!" Gestern war es der Anstifter des verhängnißschweren deutsch-französischen Krieges, dem sie in Paris zu Grabe läuteten, heute schloß dort die müden Augen der Mann, der sich das patriotische Opfer abgerungcn, seinen Namen unter das Aktenstück zu setzen, welches die furchtbaren Consequenzen dieser so frivol herbeigeführten Völkermensur für Frankreich besiegelte. Gestern der Herzog von Gramont, heute Jules Favre! Der Tod versöhnt, sagt man, aber er versöhnt nicht immer.

 

 

Schücking, Levin. Etwas auf dem Gewissen. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 18.3.1880

„Das giebt Ihnen wohl zu denken, Kommissär?" meinte der kleine Doktor. „Die Todten reiten schnell, aber noch schneller die Gedanken eines Kriminalisten."
   „Die reiten gar nicht, Doktor."
   „Obwohl sie oft aufsitzen," lächelte dieser.

 

 

"Ein Stündchen bei Stöcker." In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe I. Beilage 19.10.1880

Heiliger Isidor, was mögen da für Mädchen umherlaufen, die auf den Namen Achilles, Jonathan, Abraham oder Esau, und was für Jungen, die auf Eulalia, Eustachia, Genoveva oder Euphrosine hören müssen. Vom Schweineschlachten ging der Herr dann mit „hurre, hurre, hopp, hopp, hopp" auf den Kölner Dom und von diesem in einem ebenso gewagten Salto mortale auf die Frauen über , denen er ein „Hohes Lied" sang, das er mit den Worten schloß: „Ein Weihrauchsduft in dem Herzen der Frauen aber ist die Liebe!"

 

 


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1881-1890

 

Illustrationen zu bekannten Balladen. In: Der Floh, 29. Mai 1881

abdul_hamid_1881
    Abdul Hamid (der Todte Mann, mit der Türkei ins  
    Verderben rennend).

   Hurre, hurre, hopp, hopp, hopp!
   Fort im sausenden Galop,
   Denn die Todten reiten schnell.

      der vollständige Beitrag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frei nach Bürger senior. In: Der Floh, 4. Dezember 1881

Herr Jauner fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
Bist "G o l d u n d E i s e n" du schon todt?...
             Leider!
                   Hugo Bürger junior.

 

 

Erklärung in Figaro, 6. August 1881

Ich erkläre hiemit, um einer Konfiskation meiner Gedichte vorzubeugen, daß ich mit den Versen meiner "Lenore":
  "R a p p'! R a p p'! nich dünkt der Hahn schon ruft....
  Bald wird der Sand verrinnen...
  R a p p'! R a p p'! ich witt're Morgenluft...
  R a p p'! tummle dich von hinnen!"
keineswegs eine Anspielung auf den neuen Landeshauptmann von Tirol beabsichtige.
            G. A. Bürger.
 

 

Gil Blas, 13 mai 1881

Les morts vont vite décidément. Presque chaque jour nous avons un décès à enregistrer.
  Hier c'était celui de M. de La Bordette, aujourd'hui c'est celui de la vicomtesse de Bauroye, qui vient de succomber à une longue et cruelle maladie.

 

 

Vom Mont Cenis. In: Znaimer Wochenblatt 8.10.1881

Nachdem jedoch 36 Kilometer steiler Berg durchaus keine Kleinigkeit sind, machten wir gute Miene zum bösen Spiel und bestiegen unsere Klepper nicht ohne, da das Sattelzeug bestehend aus dem hier landesüblichen Wagensattel und etlichen Stricken stets locker wurde, einigemale herunterzukollern. Endlich waren wir oben und „Hurre hurre hopp hopp hopp, ging's fort im sausenden Gallop". O nein, schön langsam und bedächtig, mit einem Gefühl, als würde bei jedem Schritt des edlen Thieres ein Stückchen Seele aus uns herausgeschlagen.

 

 

Aus Wien, 19. Oktober, wird uns geschrieben: In: Norddeutsche allgemeine Zeitung, Morgen-Ausgabe 23.10.1881

Die Todten reiten schnell; am schnellsten aber reiten wohl die Todtgeborenen. Das zeigt sich wieder an dem "Deutschen Klub", den die Fortschrittspartei ausgeheckt hat und für den seit Wochen alle Glocken und Glöckchen der Oppositionspresse geläutet wurden.
 

 

 

Aus dem Theaterjahre 1881. In: Neue Freie Presse 25.12.1881

Die Freude stieg aufS höchste, als der todte Offenbach sein Faungesicht aus dem Grabe herausstreckte, als mit den weichen Strauß'schen Rhythmen die wohlvertrauten Klänge des Sängers der „Schönen Helena" sich mischten. Die Gespenster Hoffmann's traten auf die Scene, rauschender Erfolg, feenhafte Beleuchtung, ein wahres Feuerwerk - - - Graut Liebchen auch vor Todten? — ach nein, laß ruh'n die Todten... Kein Chronist der Erde, und wäre er in seinem Schreiberhandwerk noch so verknöchert, vermöchte diesmal die Wiener Theater-Revue des Jahres 1881 methodisch zu Ende zu führen.

 

 

Der Hinfall! In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 22.5.1881

lenore_hinfall_1881
   Lenore fuhr des Morgens früh
 Geschwind aus ihrem Bette
 Und machte zu 'ner Landparthie
 Die Sonntags-Toilette.
 Es war ja gestern ausgemacht,
 Ihr Wilhelm wollte sie um acht
 Zum ländlichen Poussiren
 Nach Hundekehle führen!

   Da öffnet sich die Stubenthür,
 Und lang fiel au! den Rücken
 Lenore, denn sie glaubte schier
 Ein Wunder zu erblicken!
 Doch Wilhelm war's, den sie gesehn,
 Der in der goldnen Hundertzehn
 Zu wahrem Schleuderpreise
 Gekauft zur Liebesreise:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Gestörte Theaterfreuden.) In: Norddeutsche allgemeine Zeitung, Morgen-Ausgabe 31.12.1881

Im nördlichen Stadtbezirk Berlins hat sick ein geselliger Verein gebildet, der sich "Lustige Brüder" nennt und welcher allmonatlich einmal seine Mitglieder und Gönner mit Aufführung von Theaterstücken, denen ein Tänzchen folgt, zu amüsieren bestrebt ist. Ein solcher vergnüglicher Abend war von dem Vorstande auch zum ersten Weihnachtsfeiertage arrangirt und das Schauspiel: "Lenore" mit dem Grabesritt um Mitternacht als Finale, gewählt worden. Leider konnte aber, wie hiesige Blätter erzählen, das Schauspiel in Folge eines unangenehmen Zwischenfalls nicht zu Ende geführt werden. Als nämlich im zweiten Akte Lenore's Wilhelm zu der ihn mit verführerischen Reizen umstrickenden Gräfin Aurora sich soweit vergaß, dieser Aurora zwei herzhafte Küsse zu schenken, rief plötzlich mit Stentorstimme ein Mann aus dem Publikum: "Dett steht nich in die Rolle — zum Küssen gebe ick meine Dochter nich her — da soll gleich der   drinn schlagen!" Und dieser Vater-Protestler machte auch sofort Anstalten, persönlich dreinzuschlagen, denn er war mit einigen kühnen Sprüngen schnell genug auf der Bühne angelangt. Bald darauf senkte sich der Vorhang und zur selben Zeit verließ Aurora weinend an der Hand ihres Vaters, den Zirkel der "Lustigen Brüder"; der küssende Wilhelm war schon zuvor, nichts Gutes ahnend — über verschiedene Hindernisse voltigirend, nach hinten heraus ohne Adieu gewandert, und so mußte die Vorstellung abgebrochen werden.

 

 

Eine Lehrer-Parodie. In: Kölner Nachrichten, 30.9.1881

lehrer parodie koelner nachrichten 30 9 1881

 

 

Gambetta träumt in Nebelspalter, 8 (1882)

Gambetta fuhr um's Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
"Ein ander Regiment thut Noth,
Ich darf nicht länger säumen.

     der vollständige Beitrag

 

 

L'Estafette, 6 septembre 1882

Il paraît que M. Gustave Worms va épouser Mlle Blanche Baretta.
  Les mortes vont vite !

 

 

L'Événement, 25 juin 1882

Notre belle petite est si peu trépassée qu'elle soupait avant-hier au café Anglais en joyeuse compagnie – et qu'une victoria attelée d'un stepper rapide la conduisait à toutes guides à la fête de Neuilly.
      Les morts vont vite !
 

 

Le Bien public, 19 jullet 1882

A TRAVERS LA VIE
[...]
Hop ! Hop ! Les morts vont vite. Hop ! Hop ! L'Océan derrière une falaise, se dresse et beugle. Hop ! Hop ! c'est la fin, la fin dans la mer écumeuse. Hop ! Hop ! la victoria ne s'est pas arrêtée. Elle se précipite, et, après elle, le tramway fait un saut. Ils vont, ils vont, en effleurant la crète blanche des vagues. La vitesse a mangé le poids.
  Et ils roulent de la sorte pendant des nuits, des jours, des nuits, des jours, des nuits, des mois, des années, des siècles. Le cocher du tramway est toujours calme et placide et regarde sans cesse en clignant des yeux. Il est l'ange du tramway. La petite cocotte est encore blonde et belle, mais sa robe n'est plus à la mode. Hip ! Hop ! Darwin a dit que les plantes, les animaux et les choses se transforment suivant les milieux où ils vivent. Les roues de la victoria et du tramway se transforment en nagepires. C'est une simple question de temps. Darwin le sait bien.

 

 

Le Voltaire, 30 septembre 1882

Hurrah! les morts vont vite!
Coquelin cadet a fait hier sa première sortie, bien que son poignet soit loin d'être remis. Mais la guérison en sera plus prompte qu'on ne l'espérait tout d'abord.

 

 

Möllhausen, Balduin. Der Haushofmeister. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 15.9.1882

Ruhe auch im Schloß zwischen den nunmehr fest aufeinander geschraubten sechs Brettern und vier Brettchen, wo der Herr von Eckernwald nach einem langen Leben trauriger Vereinsamung der Ewigkeit entgegenschlummerte. — —

 

 

L'Intransigeant, 30 décembre 1883

Le Senat
Les morts vont vite, dit la ballade. Les moribonds aussi. Les sénateurs, jugeant que trois séances pour disposer de six milliards c'était beaucoup, ont encore abrégé leur mode de discussion. Ils se sont mis à employer la langue télégraphique. Imitonsles.

 

 

Leipzig. In: Hallesches Tageblatt 20.9.1883

Der Drache stand wundervoll und da bekanntlich das Drachensteigenlassen eine durstige Arbeit ist, so kam dem Drachenbesitzer ein prächtiger Gedanke. Eine Restauration war ganz in der Nähe, also hinein mit Weib und — nein, das Kind mußte draußen bleiben, denn am Wagen, worin das Kind lag, sollte der Drache für die Dauer des „Stehseidels" angebunden werden. Aber der Mensch denkt und diesmal lenkte der Drache. Kaum waren Mann und Frau im Wirthshaus beim kühlen Biere, so gings hurre,hurre, hopp, hopp, hopp mit dem Kinderwagen fort.

 

 

Meldung In: Figaro, 30. August 1884, Seite 5

Da es sich herausstellt, daß alle Verwaltungszweige, welche die Gemeindewirthschaft betreffen, passiv sind und nur der Zentralfriedhof ein Erträgniß liefert, so kann die Wiener Kommunal-Verwaltung mit Bürger's „Lenore" singen:

      D e r  T o d, d e r  T o d  i s t  m e i n  G e w i n n!

 

 

Oesterreich-Ungarn. In: Norddeutsche allgemeine Zeitung, Morgen-Ausgabe 2,11,1883

Man schreibt uns unter dem 31. v. M. aus Wien:
In meinem jüngsten Briefe schilderte ich Stimmungen, Erscheinungen und Thatsachen, welche in ihrer Gesammtheit darauf hindeuteten, daß sich im oppositionellen Lager eine Krise vorbereite. Seitdem — die Todten reiten schnell — ist diese Krise zu vollem Ausbruche gelangt.

 

 

Haus der Abgeordneten. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 6.12.1883

Wir wiederholen aus dem Berichte im Abendblatt zunächst in ausführlicher Weise die Rede des Abg. Virchow: Trotz ihres kurzen Verlaufes kann man von dieser Debatte sagen: die Todten reiten schnell. Als ich den Antrag Stern unterschrieb, hatte ich keine Vorstellung davon, daß wir hier so eingehende Erklärungen vernehmen würden. Der Minister theilt uns mit, daß „wir", wie er sagt, ich setzte also voraus, auch Fürst Bismarck, gegenwärtig die Meinung haben, es solle auch an das geheime Stimmrecht für den Reichstag Hand angelegt werden.

 

 

Der Jahrmarkt in der Tonhalle zum besten der Ueberschwemmten. In: Düsseldorfer Volksblatt 8.1.1883

Die beiden auf dem Tische liegenden, vielverheißenden Cithern wurden nicht gespielt, wahrscheinlich weil in dem engen Raum bei jeder etwas ausgreifenden Bewegung die spitzen Fichtennadeln allzu prompt ihre Pflicht thun würden; zudem hätte das lärmende Karoussel in der Nachbarschaft die zarten Gesänge bald tot gemacht. Am Karoussel ging's im sausenden Galopp, „daß Roß und Reiter schnoben und Kies und Funken stoben"; auch Damen machten die Fahrten, allerdings auf bequemen Sitzen mit vermittels eines Rundreisebillets von zehn Pfennigen.

 

 

Oberhessischer Anzeiger 05.05.1883

Oberhessischer Anzeiger 05 05 1883

 

 

Paris, 7 janvier 1884

MON BOUT DE L'AN
  (Auxamis de Belleville)

Salut à toi, maison modeste
Dernier asile de celui
Dont le grand souvenir nous reste
Et nous réunit aujourd'hui ;
[…]

Bürger a dit : « Les morts vont vite ! »
C'était un poète allemand. -
La France évoque et ressuscite
Ceux qui la servirent vraiment

Et, la ace au ciel, sans réplique,
Des bras, de la tète et du cœur,
Ont lutté pour la République
Et le droit...suprême vainqueur ;
[…]
       ETIENNE CARJAT.

 

 

Spaziergänge. In: Düsseldorfer Volksblatt 3.5.1884

Auch der Militärkirchhof an der Wasserstraße ist längst vergessen, wie auch der evangelische Kirchhof, der an der Nordstraße lag. An diesen Stätten des Todes erheben sich jetzt Paläste und Häuser, in denen die jüngere Generation des Lebens Lust und des Lebens Leid kennen lernt, bis ihnen das letzte Haus gebaut wird von sechs Brettern und zwei Brettchen.

 

 

Kunst und Wissenschaft. In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe 31.12.1884

Den schwersten Schritt meines ganzen Lebens habe ich wie eine Heldin bestanden. Ich ging, ehe ich erleben mußte, daß man wünschen könnte, daß ich ginge. Aber - es war ein Kampf auf Leben und Tod. Geduld! Geduld! Wenn's Herz auch bricht. Fürs Leben Ihre A. Haizinger. Wien, den 6. September 1878."

 

 

Wo ist der Reichskanzler? In: Berliner Wespen 17.1884
berliner_wespen_Ausgabe_17_1885
       Sie frug den Zug wohl auf und ab         Doch keiner war, der Kundschaft gab,
       Und frug nach allen Namen,             Von Allen, so da kamen.     (Lenore.)

 

Feuilleton. Allerseelenbilder. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 2.11.1884

In dem Getriebe einer Großstadt ereignen sich solche Dinge nicht selten, nur haben sie nicht immer einen so tragischen Ausgang, oder die Sache wird nicht so allgemein bekannt. „Sie frug den Zug wohl auf und ab, sie frug nach allen Namen". ... wie oft haben wir das schon hören müssen! Aber nein, nicht Leonore -- Gretchen ist hier am Platze. Dießmal ist nur eine kleine Variation in der alten Geschichte eingetreten: Wir haben den schönen, verführerischen Faust, der sich selbst den Adelstitel „Baron Kres" verlieh, sonst aber auf den bürgerlichen Namen „Krebs" hörte, wir haben den Secretär Mephisto, in der hiesigen Stadt als Herr „Klier" bekannt, das Gretchen aber, das mag allerdings constatirt werden, ist bereits sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt.

 

 

Reichstags-Verhandlungen. In: Norddeutsche allgemeine Zeitung, Morgen-Ausgabe 21.3.1885

 Der Reichskanzler will gern den Exekutor beseitigen, aber mit diesem Zoll vertheuert er dem armen Mann, der aus diesem Jammerthal scheidet, sogar die sechs Bretter und zwei Brettchen zum Sarge. Der Zoll belastet die Gesammtheit der Steuerzahler zu Gunsten der großen Grundbesitzer; er verhindert, daß dem Volke endlich das Rechtsbewußtsein zurückkehrt, daß die deutsche Eiche ursprünglich deutsches Volkseigenthum und der Wald eigentlich gemeinschaftliches Eigenthum war.

 

 

La Vie moderne, 18 jullet 1885

La Vie moderne, 18 jullet 1885

 

 

Journal du Cher, 30 octobre 1885

Les morts vont vite : Depuis l'année dernière, on ne constate pas moins de 21 décès parmi les membres des différentes sections de l'Institut.

 

 

Feuilleton. Der erste Versuch. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 15.3.1885

Das ist Alles recht schön, aber ich frug die Schloßgasse und die Donaustraße und die Hirschengasse wohl auf und ab, ich frug nach allen Namen, doch Keiner war, der mir eine Adresse gab. Schließlich, nachdem ich von zehn Uhr Vormittag bis drei Uhr Nachmittags herumgewandert war, fand ich doch, was ich brauchte.
 

 

 

Plonplon. In: Nebelspalter Band 12, 1886. Zürich. Digitalisiert von ETH Zürich.

    Prinz Plonplon fahr um's Morgenroth
    Empor ans schweren Träumen:
    "Mein Kaiserthron, er ist in Noth,
    Da gilt's nieht Tanger säumen.
    Ha, vorwärts nur mit frischem Muth!
    Der alte Geist Napoleons thut
    Sich wieder in mir bäumen.

    Der vollständige Text

 

 

L'Estafette, 21 novembre 1886

Un homme affairé est entravé dans sa course par un enterrement dont la file ne se termine pas. Impatienté, il s'écrie :
  « Et l'on dit que les morts vont vite ! ».

 

 

Görlitz, Carl. Der gute Ruf. in Sonntags-Beilage des Halle'schen Tageblattes, 17.10.1886

“Wespen nagen eben nicht an verfaulten Früchten; Wespen und Maden suchen sich für ihr Zerstörungswerk stets die besten Früchte aus.”

 

 

Georg Waitz. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 26.5.1886

Die Todten reiten schnell! Noch haben wir Leopold v. Rankes irdische Hülle nicht zur ewigen Ruhe gebettet, da hat auch Georg Waitz, nächst jenem der Altmeister der deutschen Geschichtsforschung, die arbeitsmüden Augen für immer geschlossen; der Schüler folgte seinem Lehrer nur wenige Stunden später im Tode nach.

 

 

(Fiakerspäße.) In: Morgenpost 25.7.1886

Wo Alles trinkt, durfte die Vertreterin des schwächeren Geschlechtes nicht... nüchtern bleiben — und als der Morgen dämmerte, konnte man eine größere Anzahl von sehr heiter gestimmten Fiakern, welche zwei nicht minder heiter gestimmte Herren, sowie eine ebenfalls außerordentlich „durchgeistigte" Dame umringten, in höchst verwegenen Zickzacklinien einem Wagen zusteuern sehen. Die beiden Herren und die Dame nahmen in dem Gefährte Platz, die Fiaker brüllten „Fifat hoch! Hoch soll'n sie leben! Hoch! H o ch ! Hoch !" ... und hurre, hurre, hopp. hopp. hopp, fort ging's im schärfsten Trab der Stadt zu...

 

 

Vereine und Versammlungen. In: Berliner Volksblatt : Organ für die Interessen der Arbeiter, Tagesausgabe 14.4.1886

Die alten, uralten Witze, die aber trotzdem noch immer „ziehen", die abgedroschenen Phrasen und Schlagwörter von ehemals, es ist Alles dasselbe geblieben, nur wird es nicht mehr mit der alten Wucht vorgebracht. Es ist augenscheinlich, daß der Mann seit Jahresfrist furchtbar abgenommen hat. Die Todten reiten schnelle: der Stöckerzauber geht seinem Ende entgegen.—

 

 

Geburtshelferkröte oder der Fessler Alytes obstetricans. In: Mittheilungen der Aargauischen Naturforschenden Gesellschaft 1886

“Von den schwanzlosen Lurchen des Terrariums bleibt nun nur noch die Unke übrig. Nicht das wissenschaftliche System, wohl aber die Volkssage, stellt sie als Uebergang zu den geschwänzten Lurchen hin, denn selten wird sie im Volksmunde anders genannt, als in Verbindung mit dem Salamander, und Molch und Unke sind im Volksaberglauben unheimliche und gespenstische Wesen. Der Gefangene im schauerlichen Burgverließ wird von ihnen geplagt, bis er den Hungertod erleidet
  ‘Ihr Lied war zu vergleichen
  Dem Unkenruf in Teichen,’
schreibt Bürger von einem nächtlichen, gespenstischen Leichenzug, und der Unkenteich mit Irrlichtschein spielt in der Volkspoesie und in Gespenstergeschichten eine große Rolle. Auch diese unheimlichen Gesellen befinden sich als rechtmäßige Bürger im Terrarium.”

 

 

Je nach Umständen. In: Der wahre Jacob 1886

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T o c h t e r (Bürger's Leonore lesend): "Vater, ist es denn wahr, daß die Todten schnell reiten?"
V a t e r (zerstreut): "Ja, liebe Mary, wenn sie Eile haben."

 

Parlamentarisches Nachtbild in Figaro 29. Oktober 1887

 Der Schwarze vom Tirolerland
 Geht mit dem Czechen Hand in Hand;
 Der Demokrat wirkt im Verein
 Jetzt mit dem Fürsten L i e c h t e n s t e i n —
 Die Schule konfessionell!
 Hurrah! Die Todten reiten schnell!

 

 

Der Rotundenfesttag in Wiener Montags-Journal 6. Juni 1887

Wo nur der Berichterstatter bleibt? Minute auf Minute verrinnt. — Die großen Schwungräder rasen, die Maschinen wollen ihr Opfer haben. — Jakob, wo bist Du? Umgürtet mit dem ganzen Stolze seiner Feder war er
     gezogen in die Blumenschlacht
     Und hatte nicht geschrieben,
     Ob er gesund geblieben!
 Die Minuten enteilen — ein Uhr Morgens schlägt's schon — noch immer kein Berichterstatter da — unsere Situation wird desperat — wir fühlen - unser Haar erbleichen---
 

 

L'Estafette, 17 février 1887

Un sénateur inamovible, M. Corne, est mort.
M. Le Royer a exprimé, dans le langage qui convient, les regrets que le défunt inspire. Les morts vont vite au Sénat et M. Le Royer doit trouver déjà longue la série des éloges funèbres qu'il a prononcés en six ans !  
 

 

L'Indépendant rémois, 7 janvier 1887

Buzanoy. - Une foule recueillie a assisté au service annuel célébré en mémoire du général Chanzy. Si les morts vont vite, comme dit la ballade, si l'ingratitude et l'oubli sont bien d´es sence humaine, il faut faire exception pour le souvenir de l'illustre défunt, dont les malheurs des temps nous font de plus en plus vivement sentir la perte.

 

 

Das Auge des Gemordeten. In: Steyrer Zeitung 3.7.1887

An ein Absteigen war nicht zu denken, das einzige, was er thun konnte, war, sich im Sattel zu halten und abzuwarten, bis der rasende Gaul der Müdigkeit erliegen würde. Aber die Fußmuskeln des Pferdes waren wie von Stahl und Eisen und von neuem ging der Ritt los, wie in Bürger's „Leonore":
   — hurre, hurre, hopp, hopp, hopp,
    Ging's fort in sausendem Galopp,
    Das Roß und Reiter schnoben
    Und Kies und Funken stoben.
Herrn Monnier schwanden die Sinne.

 

 

Politische Tagesübersicht. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 22.1.1887

Welch' ein „Mischmasch!" Ja, ja — die Todten reiten schnell, und fast scheint es, daß die Berliner Nationalliberalen zu dieser Kategorie gehören. Denn vor wenig Wochen noch, als es sich nach dem Tode Löwe's im 1. Wahlkreise um die Aufstellung eines konservativ-nationalliberalen Kompromiß-Kandidaten handelte, weigerten sich die Nationalliberalen, für Herrn von Levetzow zu stimmen, weil derselbe reaktionär sei. Jetzt wird das Wahlkartell angerufen, um die Stimmen der Nationalliberalen für Herrn v. Levetzow und sogar für Herrn Cremer in Anspruchzn nehmen. Wie doch die Zeiten sich ändern, und wir mit ihnen!
 

 

Kunst und Wissenschaft. In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe 7.6.1887

"Um die Portraitähnlichkeit mit dem alten ‘Deutschen Theater’ vollzumachen, fehlt eigentlich nur noch ein Mitglied — Frl. Anna Haverlandt. Die Herzen der großen Verschworenen schlagen sicherlich der ‘Entfernten’ mit wilder Sehnsucht entgegen. Wie heißt es in dem bekannten Bürgerschen Gedicht?
  Herr Barnay fährt um's Morgenroth
  Empor aus schweren Träumen.
  Bist untreu, Anna, oder todt?
  Wie lange willst Du säumen?"

 

 

Classisches aus den Bädern. In Franzensbad. In: Der Floh 1887

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     “Lenore fuhr um’s Morgenroth empor aus schweren Träumen.”

 

Der Sachverständigen-Bericht. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, 5. April 1888

Ein Schuster fuhr um's Morgenroth empor aus schweren Träumen,
Die Schuhfabrik, die macht uns Noth, da gilt kein langes Säumen,
O Mödlinger Schufabrik, verfallen bist du dem Geschick,
Du sollst die Lust verlieren, mit uns zu concurriren.

Und ohne Zaudern lud er ein die sämmtlichen Collegen,
Um ohne Aufschub im Verein mit ihnen Raths zu Pflegen.
Sie sprachen lange hin und her, wie's wol am allerleicht'sten wär
Die Concurrenzbeschwerden jetzt schleunigst los zu werden.

Da sprach der Klügste: »Seid nicht dumm! erst muß es uns gelingen,
Die Schuhfabrik beim Publicum in Mißcredit zu bringen.
Nur wenn wir glücklich dies erreicht, dann kann es sein, daß wir vielleicht
Sie aus dem Felde schlagen, wir müssen's eben wagen.

Aus jeder Filiale soll man ein Paar Stiefel holen,
Wir machen drüber 'n Protocoll, an das sie denken sollen!
Dann drucken wir (begreift ihr's nicht?) 'nen Sachverständigen-Bericht
Jn irgend eine Zeitung zur weitesten Verbreitung."

Gesagt, gethan! Man kaufte ein und trennte mit der Scheere
Jed' Stieflein auf und sah' hinein wie es beschaffen wäre?
Sie suchten viel zu tadeln d'ran und schrieben in die Zeitung dann:
„'s ist Alles schlecht und schofel — der veritable Pofel."

Zwar ward zum Theil vom Publicum die Warnung wol gelesen,
Doch wurde Keiner schwankend drum, es blieb wie es gewesen!
Das werthe Publicum sieht ein, daß unsere Schuhfabrik allein,
Wie auch der Gegner wüthet, doch stets das Beste bietet.
 

 

Dann das Eingesendet eines Drogisten: In: Der Floh, 25. November 1888

"Lenore fuhr um's Morgenroth
Empor aus wüsten Träumen.
Zu kaufen echten W a n z e n t o d
Soll man bei mir nicht säumen."

 

 

Le XIX siècle, 6 novembre 1888

UN ANNIVERSAIRE RÉVOLUTIONNAIRE
         Eugéne Pottier
« Les morts vont vite, » dit une ballade allemande. Le chansonnier Eugéne Pottier est un de ces morts, s'il faut en juger d'après le petit nombre de ses amis qui se sont réunis hier autour de sa tombe, au Père-Lachaise.

 

 

Auf der Gindlalm. In: Grazer Volksblatt 14.10.1888

Neben dem grünen Kachelofen baut sich ihr Bett auf, das reicht bis zur Decke. Fährt sie, wie „Leonore ums Morgenroth empor aus schweren Träumen." so wird ihr der nichts weniger als elastische oberirdische Querbalken die harte Wirklichkeit wieder schleunigst nahebringen.

 

 

Puttkamers Sturz! In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe 9.6.1888

Die Todten reiten schnell! Während die Konservativen sich noch an dem Anblick des publizirten Legislaturperioden-Gesetzes weiden und das vermeintliche Ende der Krisis feiern, kommt zu ihrem Schrecken die eigentliche Lösung rasch hinterdrein, und zwar ganz in der Form "unliebsamer Ueberraschungen", die wir im Anschluß an die Gesetzespublikation in Aussicht stellten: Herr v. Puttkamer geht, und der kaiserliche Erlaß über die Wahlfreiheit steht in sicherer Aussicht.

 

 

Kunst und Wissenschaft. In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe 27.6.1888

Auf der Kneipe der Burschenschaft Germania in Göttingen hängt unter Glas und Rahmen ein Autograph Rückerts. Als nämlich der greise Dichter seine „Kampflieder für Schleswig-Holstein" veröffentlicht hatte (1863), wandten sich Mitglieder der genannten Studentenverbindung in einem Schreiben an ihn, das begeisterte Liebe und Verehrung athmete. Rückert antwortete mit folgendem Gedicht, das bisher nicht in weiteren Kreisen bekannt geworden ist, gewiß aber allgemeine Beachtung verdient:

   Dort, wo einst Hölty's Jugend vorgekündet
   Den leisen Ton zu Goethes vollem Chore
   Und Bürger mit der Todtenbraut Lenore
   Weimars Balladen-Weltkampf hat entzündet;

   Ihr dort, zu höherm Hainbund nun verbündet,
   Habt herrlich meines Alters jüngste Höre
   Begrüßt mit Worten, schmechelhaft dem Obre,
   Und deren Sinn mir fest ins Herz sich gründet.

   Heil euch, ihr Musenzöglinge der Leine,
   Heil ruf ich euch in allen Facultäten.
   Wo euch des Wissens-Quelle tränkt, die reine,

   Auf daß ihr mit des Geistes Kampfgeräthen
   Gerüstet mögt als rüstige Gemeine
   Der Zukunft in den Kampf deS Lebens treten.
                                           Fr. Rückert.

 

 

Herr Brinckmann. In: Kempener Wochenblatt, 4.2.1888

Der „Leo' hat übrigens die Affaire mit dem Prediger Brinkman poetisch bearbeitet nach dem Versmaß von Bürger's: „Leonore fuhr ums Morgenroth." Das hübsche Lied lautet:

Herr Brinckmann fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen:
„Wart', Rom, heut' bring ich dir den Tod,
Ich will nicht länger säumen!“
Er war gekommen von Berlin
Nach Wittenberg zum Vortrag hin,
Er hatt' ihn aufgeschrieben,
Der Bogen ganze sieben.

Der Abend kommt, Herr Brinckmann auch,
Bald dröhnt es in den Hallen,
Schlag folgt auf Schlag nach altem Brauch,
Rom muß und soll heut fallen.
Er redet zweieinhalbe Stund,
Der Geifer zischt aus seinem Mund,
Mit schrecklichen Gebärden,
Man könnt' fast bange werden.

„Und wollt ihr sehn die welsche List,
Die uns von Rom bedräuet?“
Ruft Brinckmann, als am End er ist —
„Vor nichts zurück man scheuet.
Ich will erzählen, hört mich an,
Kein Märchen, das man so ersann,
Nein, Wahrheit und Geschichte
Von einem Bösewichte.

„Ein Dorf liegt im Westfalenland,
Ein römisches — daneben
Ein ander Dorf, wie hier zu Land
Dem lautern Wort ergeben.
Was thut der röm'sche Kapellan?
Er brütet einen finstern Plan,
Wie er das Dorf uns nähme,
So daß an Rom es käme.

„Er schickt, so oft dort Kirmeß ist,
Zum Tanz die röm'schen Mädchen.
„Auf! eilt dorthin!“ — spricht er voll List -
„Und spinnet zarte Fädchen,
Umspinnet einen Bräutigam,
Doch bei der Trauung haltet stramm!
Laßt euch nur römisch trauen,
Groß ist die Macht der Frauen.“

„Sah je die Welt solch list'gen Plan,
Wie Rom fängt seine Beute?
Drum nagl' ich diese Thatsach' an
Seit Jahren so wie heute.
Der Thatsach widersprochen ist
Noch niemals bis zu dieser Frist,
Wir wissen, was wir sagen,
Wer will da Einspruch wagen?“

Mit Schrecken hört das Publikum
Herrn Brinckmann dies erzählen.
Denn ist ein Ding auch noch so dumm,
Es findet gläub'ge Seelen.
Ein Diakon, Herr Müller, dann
Mit einem Seufzer hub er an:
„Laßt, Jünglinge, euch warnen,
Und euch nicht so umgarnen!

„Ach ja, der alte böse Feind,
Davon im Lied wir singen,
Mit Ernst er es zumal jetzt meint,
Er möcht uns gar verschlingen.
Ach ja, groß Macht und viele List,
Ja List, sein grausam Rüstung ist,
Er hat nicht seinesgleichen,
Doch muß dem Wort er weichen.

„Das Wort sie sollen lassen stahn!“
Das wollen wir jetzt singen,
Und mag dann Weiberlist auch nahn,
Sie soll euch nicht bezwingen.
„Das Wort sie sollen lassen stahn!“
Herr Müller stimmt es zitterud an,
Man faltet fromm die Hände
Und singt es bis zu Ende.

Doch Einer ist, der lächelt still —
Zwar ist auch er nicht römisch —
Das Dorf ihm in den Kopf nicht will,
Es scheint ihm gar zu böhmisch.
Er tritt heran zum Herrn Pastor
Und stellt sich frei mit Namen vor:
„Das Dorf — darf ich wohl wagen,
Den Namen zu erfragen?“

Herr Brinckmann staunt und stutzt entsetzt:
„Mein Herr, Sie sind wohl römisch?“
„Mit nichten“ — dieser drauf versetzt,
„Doch scheint Ihr Dorf mir böhmisch.“
Verlegen spricht Herr Brinckmann dann:
„Im Augenblicke leider kann
Den Namen ich nicht nennen,
Ich lernt' ihn noch nicht kennen.

„Indeß nur glauben Sie getrost,
So viel kann ich schon sagen,
Es liegt das Dorf nicht weit von Soest,
Ich kann es leicht erfragen:
Doch einen Monat vorderhand
Muß reisen ich nach Pommerland,
Bin ich damit zu Ende,
Den Namen gleich ich sende.“

Herr Brinckmann zog nach Pommerland,
Die Pommern zu bekehren,
Führt' mit sich an dem Halfterband
Vom „Dorf bei Soest“ den „Bären".
Beim lieben Volk im Pommerland
Er riesenhaften Glauben fand:
Er stellte vor den „Bären“
Und thät dann heimwärts kehren.

Herr Brinckmann sitzt beim Morgenbrot,
Will dann die Pfeif' anbrennen.
Blickt in die Zeitung — „Schwere Noth!
Ich soll den Namen nennen
Vom Dorf bei Soest und vom Kaplan —
Was fang' ich armer Brinckmann an —
O jerum, jerum, jerum.
O quae mutatio rerum“

Und in die Zeitung dann er setzt:
„Ich will korrespondiren,
Geduld ein wenig nur, denn jetzt
Das Dorf wir leicht aufspüren.“
Doch Woch' um Woche so verfliegt,
Das Dorf bei Soest verschneiet liegt,
Gehüllt in ew'ges Schweigen,
Es will kein Dorf sich zeigen.

Da spricht Herr Brinckmann:„Das Malheur,
Das mit dem Dorf ich hatte,
Ich dank' es nur dem Redakteur
Vom Wittenberger Blatte.
Was brauchte der zu fragen auch
Ganz gegen unsern alten Brauch?“ —
Ich soll das Dorf ihm nennen?! —
Er soll mich lernen kennen!

„Nun nenne ich erst recht es nicht,
Wer? wie? man soll beweisen,
Was man zum gläubigen Volke spricht?
Da gehe ich auf Reisen,
Auf Reisen in das Pommerland,
Ein Land voll Glauben, wie bekannt;
Da wird es Niemand wagen,
Nach Namen mich zu fragen.“

So fahr denn wohl, du frommer Mann,
Nach Pommern und noch weiter,
Und binde deinen „Bären“ an
Und sei ein Ehren=Leiter.
In Rheinland und Westfalenland
Dein Name wird mit Ruhm genannt,
Du ehrenwerther Streiter,
Leit' deinen „Bären“ weiter!

 

 

Die großen Herren. In: Bukowinaer Nachrichten, Czernowitz, 9. Juli 1889

  Graf Taaffe fuhr ums Morgenroth
  Empor aus schweren Träumen -
  Schläfst Rieger - oder bist Du todt?

Der Sieg der Jungczechen bei den böhmischen Landtagswahlen und die geschlossene Einigkeit der Deutschen in Böhmen, welche bei diesen Wahlen zu Tage getreten, haben eine neue Lage in der inneren Politik geschaffen.
 

 

Vermischtes in Salzburger Chronik für Stadt und Land 30. Juli 1889

 „Die Todten reiten schnelle", aber auch ein r u s s i s c h e r L i e u t e n a n t vom 26. Dragoner-Regiment, der mit 2 Pferden, welche er abwechselnd ritt, den ganzen Weg von L u b n y nach P a r i s — 2633 Kilometer oder 351 Meilen - in 30 Tagen
 zurückgelegt hat.

 

 

Parodie. In: Der wahre Jakob Nr. 66, 1889

Der Deutsche fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen, -
Bist untreu Freiheit oder Todt,
Wie lange willst du säumen?
O Deutschland, Deutschland, was dich brennt,
Da lindert dir kein P a r l a m e n t!

 

 

les morts vont vite (Die Todten reiten schnell) in Dimanche, 12 mai 1889 (RETRONEWS der BnF)

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                         Erläuterung

 

 

La chanson de Ferry in Le Clairon, 8 juin 1889

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L'Éclaireur de l'arrondissement de Coulommiers, 26 octobre 1889

Et maintenant, quel nom inscrirai-je la semaine prochaine en tête de ma chronique nécrologique ?
  Comme ça se vide, grand Dieu !
  Comme les morts vont vite !
               E. BORGHÈSE

 

 

Le Clairon, 29 juin 1889

Constans, Constans, les morts vont vite !
  Et tu triomphes. Mais, attends !
  Il se peut qu'on les ressuscite
  Et gare à toi ! Gare, Constans !

 

 

Die Ballmutter. Julius Kehlheim. In: Znaimer Wochenblatt 12.1.1889

Aber Frau Mathilde vermag nicht so leicht wieder einzuschlafen, wie der weniger sorgenbedrückte Vater, sie hat noch so viel zu bedenken, zu berechnen, daß der segenspendende Schlaf ihre heißen Augenlider flieht und sie erst gegen Morgen wieder
in einen unruhigen Schlummer verfällt, wo sie im Traume eine rosenfarbige Schleppe bügelt, die immer länger und länger wird, ja gar kein Ende zu nehmen scheint, bis die gequälte Frau endlich, gleich Bürgers Leonore ums Morgenroth aus schweren Träumen emporfährt.

 

 

Ein Jude über die Schulen. In: Das Vaterland 6.10.1889

Schwere Träume, in denen ihm offenbar seine ungezügelte, orientalische Phantasie arge Gefahren für die armen Judenkinder in jenen Anstalten vorgaukelt, scheinen ihn zu drücken; und wenn er ums Morgenroth aus denselben emporfährt, taucht er
seine streitlustige Feder ins Tintenfaß und schreibt vernichtende Artikel für die „N. Fr. Presse".

 

 

Sozialpolitische Rundschau. In: Der Sozialdemokrat : internationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge 29.6.1889
 
Noch ergötzlicher ist der Kampf eines Theiles der Reptilien gegen die Puttkamer'schen Beamten, die durch streberhaften Eifer den Mangel an Kenntnissen und an wirklicher Leistungsfähigkeit zu verdecken suchten. Man traut seinen Augen nicht. Aber es steht schwarz auf weiß zu lesen in einer Reihe von Reptilienblättern. Kein Zweifel, der stolze Bau, der Jahrtansenden trotzen sollte, geht schon aus den Fugen, der Hausschwamm der Korruption und Servilität sitzt darin, und frißt die Kraft der stützenden Balken. Das ist nicht mehr Verwirrung — das ist schon Auflösung.
Die Todten reiten schnell!

 

 

Ein Vorschlag zur Güte. In: Düsseldorfer Volksblatt 26.3.1889

Daraus folgert die Kreuzztg. wohl nicht mit Unrecht, daß auf die rasche Erledigung dieser Vorlage Gewicht gelegt wird, und fügt hinzu: „Wenn die Ausschüsse, an die sie verwiesen wird, die Vorlage rasch erledigen, so kann der Entwurf bereits Ende dieser Woche an den Reichstag gelangen". Man denkt dabei an einen früheren Lieblingsspruch der Kreuzztg.: „Die Toten reiten schnell".

 

 

Politische Nachrichten. In: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe 6.2.1889

Hat doch schon der Ausfall der Ersatzwahl im Badischen Wahlkreise Offenburg der Welfischen Presse Veranlassung zum Ausdrucke der unbegrenztesten Hoffnungen für die Zukunft gegeben. „Wieder ein Mann über Bord!" und „Die Todtenreiten schnell !" „Die Kette der Cartelverluste seit den Angstwahlen von 1887 ist wieder um ein neues Glied verlängert", heißt es an einer Stelle der welfisch-ultramontanen sog. Volkspresse.  

 

 

Die beharrliche Ex-Königin. In: Kikeriki, 11. Dezember 1890

N a t a l i e fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen,
Zur S k u p t s c h i n a geschwind, o Gott!
Nicht länger will sie säumen.

      der vollständige Text

 

 

Crispinische Verzweiflung in Nebelspalter 16 (1890)

Herr Crispi fuhr um's Morgenroth empor aus schweren Träumen
Und rief: "Ihr Redaktoren fort! nicht länger sollt ihr säumen,
Ich laß den Teufel an die Wand mir nicht von euch stets malen;
Er möcht' am Ende kommen und die Schulden - nicht bezahlen.
Die Schulden, die sich ausgedehnt zur staatlichen Misere
Von Nizza bis Sizilien, von da zum Rothen Meere,
Und diese habet einzig ihr, verdammte Redaktoren,
Wie Raben, Unglück krächzend stets, dem Volk heraufbeschworen."

      der vollständige Text

 

 

Traumbild in Altonaer Nachrichten 12. Dezember 1890

Lenore fuhr um's Morgenroth
Empor aus bangen Träumen!

altonaer nachrichten 12 december 1890

 

 

La Nation, 26 août 1890

La ballade de Bürger sera éternellement vrai :
     Les morts vont vite
C'était hier l'anniversaire de la mort de Félix Pyat, un des hommes les plus en vue du siècle.
Littérateur, homme politique, il a joué un très grand rôle. […]

 

 

Fünf Uhr Morgens. Alexander Girardi. In: Teplitz-Schönauer Anzeiger 18.10.1890

Damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, daß ich ein Gegner der frühen Morgenstunde bin. Im Gegentheil — die frühe Morgenstunde ist, meiner Ansicht nach, eine der schätzbarsten Tageszeiten; nur darf man nicht gezwungen sein, aus dem Bette aufzustehen. Hinwieder wird sie jederzeit einen großen Genuß gewähren, wenn man, ums Morgenroth aus den bekannten schweren Träumen emporfahrend, sich allmälig mit dem Bewußtsein durchdringt, daß es ja noch viel zu früh sei, sich von Neuem fest in seine Decke wickelt, sich auf die andere Seite seines Kopfkissens legt und langsam sich wieder in das Traumland zurückbegibt, aus dem man gekommen.

 

 

Ein Kasino in Leitmeritz. Leitmeritzer Zeitung 11.1.1890

Auf meine Bemerkung hierüber entgegnet er: „Famos!— wenig Tänzer! — Die eine Flanke r e c h t s", und mit einem Blick deutete er auf die Reihe der rechts sitzenden Damen, „habe ich schon durch; mit j e d e r g e t a n z t, d r e i m a l h e r u m! J e t z t w i r d d i e l i n k e F l a n k e w e g g e p u t z t!" Und schon stand er vor der ersten Dame des linken Flügels, verbeugte sich, und Hurre, hurre, hop, hop, hop! fort giengs in sausendem Galopp" u. s. w.

 

 

Ueber die technischen Umwälzungen in der Landwirthschaft. In: Berliner Volks-Tribüne : social-politisches Wochenblatt, Wochenausgabe 14.6.1890

Ein zweites Abschenbrödel war vor zehn Jahren noch die Thomasschlacke, welche als werthloser Abfall bei dem Entphosphorisiren des Eisens mittels kalkhaltiger Stoffe übrigblieb; bald erkannte man jedoch ihren Werth als Düngemittel, und es erhob sich ein allgemeines Verlangen nach derselben, wodurch schließlich eine ungerechtfertigte Preissteigerung derart entstand, daß die Landwirthe dem„Thomasring" einen allgemeinen Streik entgegenzusetzen im Begriff waren. Jetzt hat man von beiden Seiten nachgegeben, sodaß man wie in Bürgers Leonore sagen kann:
  Schultz-Lupitz und der Thomasring,
  Des wüsten Haders müde,
  Erweichten ihren harten Sinn
  Und machten endlich Friede!

 

 

Balkanländer. In: Berliner Volksblatt : Organ für die Interessen der Arbeiter, Tagesausgabe 17.4.1890

Serbien. Aus Odessa wird der „Daily News" telegraphlrt, die Königin Natalie habe an ihre dort lebende Tante geschrieben, daß die Regenten ihr endlich hauptsächlich infolge der Unterstützung durch den Zaren gestattet hätten, selbst die Erziehung ihres Sohnes zu leiten; sie habe den Regenten wiederholt darüber Vorstellungen gemacht, daß sie den Leuten erlaubten, in Gegenwart des Königs zu rauchen und zu trinken.— 
  "Der König und die Königin
  Des langen Haders müde,
  Erweichten ihren harten Sinn
  Und machten wieder Friede".
Der König Milan und die Königin Natalie wollen sich wieder versöhnen und dann zusammenwohnen.—Die Kundgebungen auf den 1.Mai sind verboten.

 

 

Lenore-Parodien ab 1891                            70 / 06.12..2021

 

 

    "les morts vont vite" - die Todten reiten schnell

Sucht man im digitalen Zeitschriftenportal RETRONEWS der BnF nach der Redewendung “les morts vont vite”, findet man mehr als 4 500 Belegstellen, als Überschrift oder im Text; manchmal wird der Bezug zur Ballade direkt erwähnt. Es gibt zwar die Lenore-Übersetzungen (einige sind allerdings freie Bearbeitung) von S. AD. de la Madelaine (1811), Pauline de Brade (1814), Ferdinand Flocon (1827), Gerard de Nerval (1830), Paul Lehr (1834), M. E. de Labédollierre (1841), der Brüder Cogniard (1843), Eugène Cassin (1846), F. Bonnet (1846), Gerard de Nerval (1848), Alphonse Darnault (1849) und Edouard Pesch (1891). Trotzdem überrascht die große Zahl an Fundstellen, wobei vorerst offen bleibt, ob damit wirklich immer der Bezug zu Bürgers Werk besteht.

   G. A. Sala, dem wir die Holzschnitte zu Albert Smith's Lenore-Übersetzung von 1848 (A Bowl of Punch ) verdanken, hält das 1880 in The Illustrated London News für unwahrscheinlich und meint, dass die Redewendung "was possibly popular in France long before Bürger's ghastly ballad was written".
 

  Das Grand dictionnaire universel du XIXe siècle : français, historique, géographique, mythologique, bibliographique.... T. 11 MEMO-O / par M. Pierre Larousse von 1874 führt dazu aus: [p.590] - ” Allus. littér. Les morts vont vite .Mots saisissants et tristement signiticatifs qui reviennent souvent sur les lévres du funébre amant de Lénore, dans la ballade de ce nom. Ces mots s'emploient souvent pour caractériser les ravages que la mort semble parfois se plaire á exercer soup sur coup dans les rangs des hommes distingués, dans quelque ordre d'idée que ce soit.”
   (Automatisch übersetzt: Auffällige und traurig bedeutungsvolle Worte, die in der Ballade dieses Namens oft auf den Lippen
   von Lenores Bestattungsliebhaber erscheinen. Diese Worte werden oft verwendet, um das Chaos zu charakterisieren, dass
   der Tod manchmal Freude daran zu haben scheint, nacheinander in den Reihen angesehener Männer zu üben, in welcher
   Weise auch immer.)

Der Excelsior 2 juin 1911 erklärt das Phämomen so : “Gottfried August Bürger était un admirable poète allemand, contemporain de Gœthe, dont la gloire éclipsa la sienne. C'est à lui que nous devons l'expression : »Les morts vont vite. » Bürger est, en effet, l'auteur d'un poème, Lenore, où une jeune se lamente de ne pas retrouver son fiancé parmi ceux qui reviennent de la guerre et qui, endormie, s'entend appeler par le mort pour fuir avec lui « plus vite que les étoiles », dans la nuit. Une strophe se termine par ce vers :
   Wir und die Todten reiten schnell.
   Nous et les morts chevauchons vite.
L'usage populaire a déformé un peu le sens. On a dit : « Les morts vont vite ! »”

L'Homme libre 2 juillet 1936 führt in einem Beitrag mit dem Titel Les morts vont lentement aus :”La fameuse ballade de Léonore, de Burger, que répète toute l'Allemagne, et dont les Français, qui ont le goût des maximes, ont extrait une phrase, une seule : les morts vont vite, constitue un affreux mensonge, une sorte de dépêche d'Ems littéraire.
  Les morts ne vont pas vite du tout. Ils vont à pas menus, surtout quand ils cheminent entre deux assemblées parlamentaires.”
 

 

 

Begriffe und weiterführende Literatur zum Thema

Hier sollen in aller Kürze einige Begriffe erläutert und Hinweise auf weiterführende Literatur gegeben werden. Zuerst ein Blick in Lexika, die Bürgers Zeit nahe sind.

 „Die Parodie, (a.d. Griech.) ein Gedicht; im weiten Sinne, überhaupt ein Werk des Geschmacks, das man nach einem andern bekannten Gedicht oder ähnlichen Werke macht, welches letztere man durch zweckmäßige Veränderungen auf einen andern Gegenstand anwendet, oder gleichsam in einen andern Ton setzt.“

 „Travestie nennt man eine Art des scherzhaften Gedichts, welcher immer ein ernstes Gedicht zum Grunde liegt, dessen Hauptgedanken, Schilderungen und Charaktere in der Travestie auf lächerliche Weise umgestaltet werden. Sie gelingt am besten, wenn in der ihr zum Grunde liegenden Dichtung viel Pomphaftes und falsches Pathos enthalten sind. Unter den neuern deutschen Travestien von größerem Umfange ist immer noch die travestierte „Aeneis“ von Blumauer die bemerkenswertheste.“ 

Farce (fr., spr. Fars), 1) von gehacktem Fleische mit Eiern, Semmel, Gewürz etc. bereitete Speisen, def. wenn solche in Geflügel, in Fischen , in einem Krautkopf etc. als Gefülltes benutzt od. mit Blätterteig umzogen werden; 2) (sth.), bei den Franzosen u. Italienern kleine dramatische Zwischenspiele (Intermezzi od. Interludien), welche sich auf dem Gebiete der niederen Komik bewegen. Der Name rührt sehr wahrscheinlich von Farce 1) her, indem die F. dazu dient, eine Pause in der Hauptvorstellung auszufüllen, u. mit pikanten Anspielungen u. Localwitzen gewürzt zu sein pflegt.”

Aktuelle und nachvollziehbare Definitionen in neuerer Zeit werden von Wünsch gegeben.

“Eine Parodie ist ein Text, der einen anderen Text dergestellt verzerrend imitiert, daß eine gegen diese Vorlage gerichtete komische Wirkung entsteht.”
 Neben der Parodie gibt es verwandte Phänomene, die sich allerdings mit dem Begriff der Parodie auch überschneiden können.

“Eine Satire ist ein Text, der mit den Mitteln einer oft recht ausgeprägt aggresiven Komik Mißstände jeglicher Art aufdeckt und verspottet. Im wesentlichen handelt es sich demnach um eine Verbindung von Komik und Kritik, wobei die Komisierung des Gegners, ähnlich wie in der Parodie, als Waffe und Wirkungsmittel im Dienste der kritischen Intention eingesetzt wird. Komik und Kritik sind also nicht unabhängig voneinander, sondern die Komik richtet sich gegen den kritisierten Gegenstand mit dem Ziel, ihn zu verspotten und der Lächerlichkeit preiszugebenm um ihn (sozial) zu vernichten oder zu tadeln.”

“Der Terminus ´ Kontrafaktur´bezeichnet in Literatur- und Musikwissenschaft Gedichte oder Lieder, die die metrisch-strophische Struktur (Metrum, Vers- und Strophenbau) einer Vorlage übernehmen, aber deren Inhalt (Text) mehr oder weniger tiefgreifend ändern. Es handelt sich also um eine Um- oder Neutextierung (Umdichtung) eines Gedichtes bzw. Liedes, wobei die Imitation der metrisch-strophischen Grundstruktur essentiell ist, während nicht unbedingt die exakte Strophenzahl übernommen werden muß ...”

“Eine Travestie ist ein Text, der einen anderen Text unter Beibehaltung der wesentlichen inhaltlichen Merkmale, aber durch Einkleidung in eine völlig neue, unpassende Sprachform dergestalt verzerrend imitiert, daß eine gegen die Vorlage gerichtete komische Wirkung entsteht. [...,] Die Travestie ist eine Unterart der Parodie ...”

“Das heroikomische Epos oder komische Heldenepos ist ein Typus der Parodie, dessen spezifisches Verfahren darin besteht, kleine und unbedeutende, triviale Ereignisse im hohen Stil des Heldenepos, wie z.B. der Ilias, darzustellen (inhaltliche Substitution bei Wahrung der hohen Stillage). Die komische Wirkung entsteht durch die Diskrepanz zwischen Aufwand und Inhalt.”

“Das Pastiche ist ein Verfahren der Stilnachbildung, das “la maniére, le style” eines Autors, einer Epoche, Schule oder Gattung mit ernsthafter (Plagiat, Stilübung u.ä.) oder parodistischer Absicht imitiert.”

“Ein Cento ist ein aus unveränderten Zitaten eines oder mehrerer Dichter zusammengesetzter Text. [...] Die komische Verzerrung entsteht beim parodistischen Cento durch die Art der Montage, die nicht im Sinne des Originals ist und mehr oder weniger starke Disharmonien erzeugt.”


Am Ende dieses Kapitels wird Literatur zum Thema zitiert, teils belletristischer, teils wissenschaftlicher Natur. Von den vielen Fachbegriffen und sehr ins Detail gehenden Diskussionen sollte man sich nicht abschrecken lassen - man kann sie bei Bedarf übergehen . Es sind aber so viele schöne Beispiele, die auch kommentiert und eingeordnet werden, in den Werken aufgeführt, dass sich die Lektüre auch für den Laien lohnt. Nur ein kleines Beispiel: was passiert, wenn die Parodie vor dem Original da ist - zumindest für die Zuschauer, die erstmals Wagners Tannhäuser sehen, vorher jedoch bereits die diesbezügliche Parodie kennengelernt hatten.
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Conversations-Lexikon oder kurzgefasstes Handwörterbuch (1809-1811), S. 3699 (www.digitale-bibliothek.de/band131.htm)

Travestie. Bilder-Conversations-Lexikon, S. 15230 (www.digitale-bibliothek.de/band146.htm)

Pierer's Universal-Lexikon, S. 74520 (www.digitale-bibliothek.de/band115.htm)

Frank Wünsch, Die Parodie Zu Definition und Typologie Hamburg Kovac 1999

Bürgers Gedichte in zwei Teilen, Zweiter Teil , Hrg. Consentius,Ernst, Berlin 1909, S.92.

Prinz Seidenwurm, Satiren und Farcen des Sturm und Drang, Rütten & Löning Berlin 1968 Hrg. Klaus Hammer

Die respektlose Muse Literarische Parodieen aus fünf Jahrhunderten, Rütten & Loening Berlin 1968

Aloys Blumauer. gesammelte Schriften Gesammt-Ausgabe, Stuttgart 1877 S.381-383    

Odor Verweyen. Günther Witting Die Parodie in der neueren deutschen Literatur Wiss.Buchgesellschaft Darmstadt 1979     

Eduard Grisebach. Die deutsche Literatur 1770-1870 Wien Verlag von L.Rosner 1876 Kapitel “Die Parodie in Oesterreich” S.175-213